Ulrich Matthias
Esperanto
Das neue Latein der Kirche
Die internationale Sprache im
Dienst der Verständigung
unter evangelischen und katholischen
Christen
(C) Armin Gmeiner Verlag, Meßkirch 1999
122 Seiten -
ISBN 3-926633-39-5 - EUR 9,90
Erhältlich im Buchhandel oder (für EUR 9,90 einschl.
Versandkosten, ab 3 Exemplaren je EUR 6,60) beim Autor Ulrich.Matthias@t-online.de.
Dieses Buch ist auch in einer aktualisierten und erweiterten Esperanto-Version erschienen: Esperanto - la nova latino de la Eklezio, Flandra Esperanto-Ligo, Antwerpen 2001.
Die Esperanto-Version wurde - wiederum mit einigen
Aktualisierungen und Ergänzungen - von Mike Leon und Maire Mullarney ins
Englische übersetzt:
Esperanto - The
New Latin for the Church and for Ecumenism, Flandra Esperanto-Ligo,
Antwerpen 2002.
Außerdem wird im Herbst 2002 eine russische Übersetzung durch einen Pfarrer der russisch-orthodoxen Kirche erscheinen, mit einem zusätzlichen Kapitel "Esperanto und die orthodoxe Kirche". Ein erstes Manuskript ist bereits jetzt als rtf-Datei im Internet zugänglich.
Ausgaben in weiteren Sprachen (z.B. Italienisch, Ungarisch und
Portugiesisch) sind in Vorbereitung:
http://home.t-online.de/home/Ulrich.Matthias/latin_tr.htm
Die Ausgaben auf Esperanto, Englisch und Russisch enthalten jeweils etwa 10 Illustrationen und über 200 Fußnoten.
Entwurf des neuen deutschsprachigen
Buches "Esperanto - eine Chance für Europa":
http://home.t-online.de/home/Ulrich.Matthias/chance.htm
2. Die Idee einer Universalsprache
5. Die Anwendung des Esperanto unter Gläubigen
Von Dr. György
Jakubiny
Erzbischof von Alba Iulia (Karlsburg),
Rumänien
Dieses Vorwort zur Esperanto-Ausgabe ist auch in der englischen, nicht jedoch in der gedruckten deutschen Ausgabe enthalten.
Wenn es um das Latein geht, habe ich immer Nostalgie. In meiner Kindheit, in einem kommunistischen Staat unter Schwierigkeiten, bin ich doch zehn Jahre lang Ministrant gewesen. Wir haben die schönen lateinischen Gebete - die Antworten der Ministranten - auswendig gelernt, rezitiert, ohne die Sprache zu kennen, doch haben die tüchtigen Seelsorger im Ministrantenunterricht dafür gesorgt, dass wir wenigsten erahnen, worum es in diesen lateinischen Gebeten geht. Die Einführung der Volkssprachen in die Liturgie im lateinischen Ritus hat diese Schwierigkeit gründlich gelöst.
Es bleibt aber die internationale Verständigung. Früher - vor dem II. Vatikanum - hat man uns immer gesagt, dass der Katholik sich überall in der Welt zu Hause fühlt, denn die Liturgie ist in derselben Sprache zelebriert, also allgemein verständlich. Geh nach China, sagte man uns, dort wirst du auch die Liturgie verstehen, denn sie ist lateinisch. Daher die ehemalige Anekdote der Szecklerungarn von Siebenbürgen: Zwei Landleute befinden sich im Ausland und gehen am Sonntag in die katholische Kirche. Als sie die Heilige Messe auf Lateinisch hören, flüstert der eine zum anderen: Siehst du, auch hier spricht man Ungarisch! Natürlich kann man mit Anekdoten das Schwierige der Frage nicht abtun. Um die Uniformität oder Einheit der Liturgie zu wahren, mit der allgemeinen lateinischen liturgischen Sprache, wie viele Katholiken konnten das genießen, wie viele Katholiken durften oder konnten als Touristen oder Gastarbeiter ins Ausland gehen? Daher hat das II. Vatikanum entschieden, für die zu Hause bleibenden - und sie sind die überwältigende Mehrheit - die Muttersprache einzuführen.
Das Konzil hat eigentlich die Muttersprache nur als eine Zulassung in der Liturgie zu Gunsten der allgemeinen Verständigung eingeführt. "Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben, soweit Sonderrecht nicht entgegen steht. Da bei der Messe, bei der Sakramentenspendung und in den anderen Bereichen der Liturgie nicht selten der Gebrauch der Muttersprache für das Volk sehr nützlich sein kann, soll es gestattet sein, ihr einen weiteren Raum zuzubilligen, vor allem in den Lesungen und Hinweisen und in einigen Orationen und Gesängen gemäß den Regeln, die hierüber in den folgenden Kapiteln im Einzelnen aufgestellt werden." (Konstitution über die Heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium 36, 1-3, Kleines Konzilskompendium 64). In der Praxis sieht es aber ganz anders aus: Die Muttersprache hat das Latein ganz verdrängt.
Ich selber bin ein begeisterter Latinist. Nicht nur wegen meiner Erziehung als römisch-katholischer Priester, d.h. lateinischen Ritus, sondern auch als ein humanistisch gebildeter Mann, der auch mal Latein im kleinen Seminar unterrichtet hat. Es wäre schön, wenn die ganze Welt lateinisch verstehen würde! Manchmal erscheint ein Reiseführer oder Konversationsbuch in lateinischer Sprache, mit so schönen Redewendungen: Apud tonsorem, beim Friseur usw. (z.B. Angela Wilkes, Latin for beginners, London 1999). Wo, in welchem Lande, würde ein Friseur lateinisch verstehen? Wenn man den Fischer Weltalmanach 2000 zur Hand nimmt, stellt sich heraus, dass es in der Welt nur einen Staat gibt, wo Latein offizielle Sprache ist: Status Civitatis Vaticanae (Stato della Cittá del Vaticano, also Staat Vatikanstadt). Nach anderen Angaben hätte auch die Repubblica di Sancti Marino (Res Publica Sancti Marini, also Republik San Marino) Latein als zweite offizielle Sprache. Der Unterschied unter beiden ist, dass Latein im Vatikan erste offizielle Sprache ist und Italienisch die zweite; in der Republik des Hl. Marinus ist es umgekehrt. In der Praxis aber ist es nicht so, denn man versucht vergebens beim Fleischer des Vatikans Lateinisch zu sprechen. Gang und gäbe wird Italienisch gesprochen. Latein hat eine ehrwürdige Stellung, nicht aber im praktischen Leben.
Dasselbe muss man von der Kirche sagen. Bis zum II. Vatikanum war es offizielle Sprache und ist es. Durch die Einführung der Muttersprache in die Liturgie ist das Latein zurückgedrängt worden. Wozu noch Lateinisch lernen, wenn es in der Praxis der Kirche zurückgegangen ist? Die Liturgie war nämlich hauptsächlich das Übungsfeld für das Latein. Die päpstlichen römischen Universitäten haben im Jahre 1970n allgemein Italienisch eingeführt. Natürlich haben sie dabei einen Ehrenplatz für Latein beibehalten, aber die Studenten haben meistens für Italienisch votiert. Ich selber bin 1970 nach Rom gelangt, für höhere biblische Studien,. Die Professoren haben in eben diesem Jahr die Studenten befragt, ob sie Latein behalten möchten. Es war eine allgemeine Ablehnung. Trotzdem haben einige Professoren - vor allem nicht-italienische - Latein als Unterrichtssprache behalten, weil es möglich war. Sie haben an Zahl der Zuhörer nichts verloren, denn sie waren Professoren von hohem Ansehen. Die päpstlichen Universitäten müssen die Arbeiten der Studenten in sechs Sprachen annehmen: Lateinisch, Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch. Beim mündlichen Examen ist der Professor verpflichtet, Latein und Italienisch anzunehmen, dazu die Sprachen, die er selber angibt. So konnte ich einmal auch in meiner Muttersprache, Ungarisch, ein mündliches Examen ablegen.
Die katholische Kirche hat die lateinische Epoche mit der Einführung der Muttersprache in die Liturgie abgeschlossen. Der gute Papst Johannes XXIII hat einerseits die Muttersprache gefördert, andererseits wollte er auch das Latein behalten. Natürlich ging es nicht. Selbst im Vatikan spricht man durchgehend Italienisch. Die 21 Dikasterien (d.h. "Ministerien") des Heiligen Stuhls nehmen in den oben erwähnten sechs Sprachen alle Dokumente an. Wenn man aber will, dass sie schneller bearbeitet werden, soll man es in Italienisch vorlegen, denn alle Beamten des Vatikans sprechen Italienisch, die anderen Sprachen weniger.
So ist es dazu gekommen, dass ich als Bischof schon an zwei Bischofssynoden für Esperanto statt Latein plädiert habe. Es war bei den beiden außerordentlichen Bischofssynoden für Europa in Rom, am 29. November 1991 und am 4. Oktober 1999, in der Anwesenheit des Heiligen Vaters. Ich habe gesehen, dass die Synodalväter nicht mehr lateinisch sprechen, obwohl bei der ersten Synode in 1967 das Latein noch allgemeines Verständigungsmittel war. Als ich zum ersten Male über Esperanto als neues Latein der Kirche gesprochen habe, bin ich Lächeln und Widerstand begegnet. Und dasselbe habe ich auch acht Jahre später wieder erlebt. Man kennt Esperanto überhaupt nicht. Vergebens habe ich erwähnt, dabei dahinter vielleicht auch ein bißchen Antisemitismus steckt, denn der Schöpfer des Esperanto war ein polnischer Jude; doch dieser Satz ist meistens beim Abdruck meiner Wortmeldung vergessen worden. In der Pause haben mich einige Mitbrüder gefragt, ob es nicht einfach ein Scherz war. Da ich sah, dass ihre Absicht nicht aufrichtig war, habe ich geantwortet: Es ist mir aufgefallen, dass man bei der Synode nur Aufsehen erregen kann, indem man etwas Sensationelles sagt. Darum habe ich Esperanto erwähnt.
Bei dieser zweifachen Wortmeldung für Esperanto an einer Bischofssynode ging es mir eigentlich um die Bekämpfung des sprachlichen Imperailsimus. Ein indischer Theologe schreibt: Wenn er in der Muttersprache schreibt, lesen das einige Fachleute. Er wird nie im Ausland zur Kenntnis genommen. Wenn aber ein nicht so bedeutender Theologe auf Englisch schreibt, lesen ihn alle, er wird zitiert und in die wissenschaftliche Fachliteratur aufgenommen. Die großen Weltsprachen kämpfen um Hegemonie oder wenigstens um Mitherrschaft in der Welt auf sprachlicher Ebene. Das ist auch die Sprachtragödie der Vereinten Nationen, mit den vielen offiziellen Sprachen. Wenn aber eine nationale Sprache Weltsprache wird, wird gleichzeitig wohl oder übel auch die Denkweise des Volkes mitgegeben. Wenn Englisch heute die weltweite Umgangssprache ist, hat dies nicht die englische Kultur entschieden, sondern der amerikanische Dollar.
Darum habe ich gedacht, wenn Latein inder Kirche nicht mehr praktiziert wird, warum könnte man dann nicht die internationale Sprache Esperanto einführen? Es wäre alles plötzlich einfacher, billiger usw. in der internationalen Verständigung in der Kirche. Natürlich bin ich der Meinung, dass Esperanto als Hilfssprache zu benutzen ist, also zu Hause die Muttersprache und in der internationalen Verständigung Esperanto. Wenn die Kirche diese seit langem vorgeschlagene Lösung für die internationale Verständigung annehmen würde, würde man auf einmal das Sprachenproblem im Alltagsleben der kathoischen Kirche auf internationaler Ebene lösen.
Die Zeichen dafür, dass die Kirche Esperanto als neues "Kirchenlatein" anzunehmen bereit ist, sind schon da. Ich möchte nur einige erwähnen: Esperanto-Sendungen von Radio Vaticana, Approbation der Messtexte, Grüße des Heiligen Vaters in Esperanto zu Ostern und zu Weihnachten, Annerkennung der IKUE durch den Päpstlichen Laienrat usw.
Sebranice ist ein kleines Dorf in der Nähe von Litomysl, rund 150 km östlich von Prag. Im Tal unterhalb der Kirche befindet sich ein Zeltplatz. Alljährlich im Sommer treffen sich dort Jugendliche aus fünf bis zehn Ländern. Sie beten gemeinsam, sie diskutieren gemeinsam, sie singen gemeinsam. Kämen Spaziergänger an dem Zeltplatz vorbei, sie glaubten, man spräche dort Spanisch, Italienisch oder Latein. Doch nichts davon trifft zu. Die Jugendlichen sprechen Esperanto.
"Patro nia, kiu estas en la chielo, sanktigata estu via nomo...", so betet man dort das Vaterunser. Es ähnelt dem Lateinischen: "Pater noster, qui es in caelis, sanctificetur nomen tuum." Beide Sprachen sind neutral. Und beide Sprachen haben noch weitere Vorzüge. Latein ist das alte Esperanto der Kirche. Es blickt auf eine über 2000-jährige Geschichte zurück. Es war Sprache der Kirchenlehrer und behielt bis in die frühe Neuzeit seine zentrale Rolle als europäische Gelehrtensprache. Allein schon wegen der Fülle lateinischer Originaltexte wird die lateinische Sprache in der Theologie stets eine bedeutende Rolle spielen. Karl Rahner betonte 1962 in seiner Schrift "Über das Latein als Kirchensprache": "Ohne die Kenntnis des Lateins ist eine theologische Ausbildung, wie sie für den Priester notwendig ist, schlechterdings nicht denkbar."
Es ist nicht Aufgabe dieses Buches, dieser These zu widersprechen. Hier soll vielmehr das Augenmerk auf das Sprachenproblem der Gegenwart gelenkt werden. Und dabei verdienen die Vorzüge des Esperanto Beachtung. Die lateinische Sprache hat ihre einst bedeutende Rolle als grenzüberschreitendes Verständigungsmittel weitgehend eingebüßt. Dies ist vor allem dem großen Lernaufwand zuzuschreiben, den ihre Beherrschung erfordert. Den meisten Schülern fällt es auch nach vier oder fünf Jahren Lateinunterricht noch schwer, Texte von Caesar oder Cicero im Original zu lesen. Das Lernen der zahlreichen Deklinationen und Konjugationen ist mühsam und aus pädagogischer Sicht nicht unbedingt wertvoll; es ist oft schwer, die Funktion eines lateinischen Wortes im Satz zu erkennen, und schließlich ist der Wortschatz dieser Sprache unüberschaubar umfangreich.
In all diesen Punkten ist Esperanto dem Latein entscheidend überlegen. Es gibt im Esperanto keine unregelmäßigen Verben; man erkennt Hauptwörter und Eigenschaftswörter sofort an der Endung -o bzw. -a; Mehrzahl und Akkusativ werden stets durch Anfügen von -j bzw. -n gebildet. Ein System von Vor- und Nachsilben macht es möglich, verwandte Wörter ganz regelmäßig voneinander abzuleiten, so daß man im Esperanto schon mit etwa 1000 Wortstämmen eine beachtliche Ausdrucksfähigkeit erreichen kann.
Kehren wir nun zurück zu dem Zeltlager in Sebranice. Wenn 80 junge Christen aus Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn, Deutschland und Rumänien zwei Wochen lang zusammenleben, so haben sie sich viel zu sagen - vorausgesetzt, sie können sich verständigen. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen aus der Vergangenheit mit und können darüber diskutieren, wie sie gemeinsam ihre Zukunft gestalten.
Einige Teilnehmer stammen aus tiefgläubigen Familien und mußten daher zur Zeit des Sozialismus einiges an Benachteiligungen und Entbehrungen erleiden. Andere stammen aus atheistischen Verhältnissen. Doch irgendwann im Laufe ihres Lebens spürten sie ein Interesse an religiösen Fragen, an der Person Jesu, an der christlichen Lebensweise. Das Zeltlager bereichert sie mit Erfahrungen in der für sie noch recht neuen Welt des Glaubens.
Die meisten Jugendlichen aus Osteuropa haben in der Schule etwa fünf Jahre lang Deutsch oder Englisch gelernt, mit teilweise zufriedenstellendem, oft aber nur sehr bescheidenem Erfolg. Auf Esperanto sind sie durch Freunde, Verwandte oder ihren Pfarrer aufmerksam geworden; andere haben in christlichen Zeitschriften einen Artikel über die Sprache gelesen und dann einen Fernkurs bestellt. Bei einigen genügte ein halbes Jahr, bis Esperanto zu ihrer stärksten Fremdsprache wurde. Es drängt sich die Frage auf, ob es wünschenswert wäre, Esperanto in den Schulen zu unterrichten.
Miloslav Svacek, der langjährige Vorsitzende der tschechischen Sektion der Internationalen Katholischen Esperanto-Vereinigung, betont, daß die Organisation des Zeltlagers in jedem Fall die Mühe lohnt: "Jugendliche aus verschiedenen Ländern verbringen dort zwei Wochen in einer christlichen Atmosphäre, sie praktizieren gemeinsam den Glauben. Bereits das ist ein Grund zur Freude."
Doch eine faszinierende Vision bleibt bestehen: Daß sich einmal die Gläubigen in aller Welt problemlos verständigen können und sich dann wirklich als eine Gemeinschaft in Jesus Christus fühlen. Ein entschiedenes Eintreten der Kirche für Esperanto würde dieser Sprache einen Gewinn an Popularität einbringen, der vielleicht eine weltweite Einführung des Esperanto in die Schulen nach sich zöge.
Dieses Buch soll Geistlichen und Laien ein Urteil darüber ermöglichen, ob dieser Schritt wünschenswert ist.
2. Die Idee einer Universalsprache
Es gibt seit dem Mittelalter mehr als 1000 Versuche, eine Sprache bewußt zu konstruieren. Die Motive und Methoden waren dabei höchst unterschiedlich. Das Spektrum reicht von der Lingua Ignota, einer Geheimsprache der heiligen Hildegard von Bingen (1098-1179) bis hin zum Klingonischen, das der amerikanische Linguist Marc Okrand für die Fernsehserie 'Star Trek' ('Raumschiff Enterprise') entwickelte. Wir interessieren uns hier in erster Linie für diejenigen Sprachprojekte, die die internationale Verständigung erleichtern sollen.
Die Anfänge
Als im 17. Jahrhundert die Nationalsprachen zunehmend das Latein als europäische Gelehrtensprache verdrängten, erlebte die Theorie der Universalsprachen ihre erste Blütezeit. Zahlreiche bedeutende Philosophen, Mathematiker und Pädagogen beschäftigten sich mit der Konstruktion einer Lingua universalis. Sie versprachen sich von ihr zweierlei: Zum einen sollte die neue Sprache, wie Leibniz (1646-1716) es formulierte, 'leicht zu lernen sein' und 'in bewundernswerter Weise der Verständigung zwischen den Völkern dienen', zum anderen sollte sie der menschlichen Vernunft das Denken erleichtern. Comenius, Descartes, Newton und Leibniz bemühten sich, eine solche Sprache zu konstruieren.
Den Wortschatz ihrer Projekte entnahmen sie nicht etwa den ethnischen Sprachen, er basierte vielmehr auf einer Klassifikation der Ideen. So neigte Newton dazu, jede Kategorie mit einem festen Buchstaben zu benennen, z.B. Werkzeuge mit s, Tiere mit t und Geisteszustände mit b, und Leibniz stellte z.B. den Begriff 'Mensch' als Produkt a*r dar, wobei a für 'animal' und r für 'rationalis' steht. Doch die Ausarbeitung eines solchen apriorischen, philosophischen Projektes zu einer funktionsfähigen Sprache wäre, wie ihre Autoren bereits erkannten, mit vielfältigen Schwierigkeiten verbunden. So wundert es nicht, daß der Traum von einer neuen Sprache zur Erleichterung der menschlichen Erkenntnis eine Utopie bleiben mußte.
Als vielversprechender erwies sich die Idee, eine aposteriorische Plansprache zu entwickeln, d.h. eine Plansprache, die sich in Wortschatz und Grammatik an einer oder mehreren Ethnosprachen orientiert. Das erste Projekt dieser Art dürfte das vereinfachte Latein sein, das Phillippe Labbé (1607-1667) unter dem Titel 'Grammatica linguae universalis missionum et commerciorum' veröffentlichte. In den folgenden Jahrhunderten erschienen noch mehr als 30 weitere Entwürfe eines modifizierten Lateins, unter denen das 'Latino sine flexione' (1903) des Mathematikers Giuseppe Peano (1858-1932) am bekanntesten wurde, und dazu noch etwa ebenso viele Versuche, das Englische, Französische oder eine slawische Sprache zu vereinfachen. Als erstes internationales aposteriorisches Projekt gilt ein Entwurf von A. Gerber aus dem Jahre 1832.
Bereits sehr angenehm und natürlich sieht das 1868 von dem lothringischen Lehrer Jean Pirro (1831-1886) veröffentlichte 'Universalglot' aus: Ma senior! I sende evos un gramatik e un verb-bibel de un nuov glot nomed universal glot. In futur I scripterai evos semper in dit glot. Doch auch dieses bereits recht gut konstruierte Projekt erlangte keinerlei praktische Bedeutung. Dies gelang erst dem 'Volapük' des badischen Pfarrers Johann Martin Schleyer (1831-1912).
Dank des eifrigen Propagierens durch ihren Autor fand das Volapük bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung im Mai 1879 über hunderttausend Anhänger in aller Welt. Es erschienen einige Dutzend Zeitschriften in der Sprache, und 1889 wurden bereits 283 Volapük-Vereinigungen registriert. Doch trotz seiner Regelmäßigkeit war das Volapük schwer zu lernen; die Wörter wirkten fremdartig, und um die Jahrhundertwende verschwand die Volapük-Bewegung fast ebenso schnell, wie sie entstanden war.
Esperanto
Im Jahre 1887 veröffentlichte der Augenarzt Dr. Ludwig Zamenhof (1859-1917) in Warschau unter dem Pseudonym "Doktoro Esperanto" das erste Lehrbuch seiner internationalen Sprache. Er wollte damit einen Beitrag zu Frieden und Völkerverständigung leisten. Das Pseudonym 'Esperanto' (= 'Hoffender') wurde bald zum Namen der Sprache selbst.
Esperanto wurde zur erfolgreichsten Plansprache. Wir werden uns in den folgenden Kapiteln näher mit ihr befassen.
Neuere Projekte
Zu Beginn dieses Jahrhunderts führten insbesondere zahlreiche Versuche, das Volapük oder Esperanto zu reformieren, zu neuen Sprachprojekten. 1905 veröffentlichten die Franzosen Louis de Beaufront (1855-1935) und Louis Couturat (1868-1914) das Projekt Ido, ein reformiertes Esperanto, zu dem vor dem ersten Weltkrieg rund 5% der Esperanto-Sprecher überliefen. 1951 veröffentlichte die 'International Language Association' in New York das von Alexander Gode ausgearbeitete Interlingua, ein extrem naturalistisches Projekt, das zugunsten der Natürlichkeit der Wörter auf eine stärkere Regelmäßigkeit der Grammatik verzichtet.
Noch heute werden alljährlich ein bis drei neue Plansprachenprojekte veröffentlicht. Eine gewisse Beachtung in den deutschen Medien fanden Glosa (1981) von Ron Clark und Wendy Ashby, Uropi (1986) des französischen Lehrers Joël Landais (1946-) und Unitario (1989) des hessischen Maschinenbauingenieurs Rolf Riehm (1944-). Doch scheinen die Autoren dieser Projekte Schwierigkeiten zu haben, auch nur einen einzigen weiteren Sprecher zu werben.
Überhaupt haben nur sehr wenige Plansprachenprojekte den Tod ihres Erfinders überlebt. Esperanto wird heute von einer bis drei Millionen Menschen in 120 Ländern gesprochen, Interlingua von etwa 1000 in 25 Ländern und Ido von etwa 200 in zehn Ländern.
Ein Vergleich
Zum Vergleich sei nachfolgend der Beginn des Vaterunser in mehreren Plansprachen aufgelistet.
Die Entstehung des Esperanto
"Die Idee, deren Verwirklichung ich mein ganzes Leben gewidmet habe, erschien mir in frühester Kindheit und hat mich seitdem niemals verlassen", schrieb Ludwig Zamenhof 1895 an den Russen Nikolaj Borovko. Zamenhof wurde 1859 im polnischen Teil des russischen Zarenreichs geboren, in der Stadt Bialystok, die heute unweit der weißrussischen und litauischen Grenze im Nordosten Polens liegt. Über die Bedeutung dieser Stadt für die Entstehung des Esperanto schrieb Zamenhof weiter:
Seine neue Sprache sollte möglichst leicht erlernbar sein und niemanden bevorzugen oder benachteiligen. Schon mit 18 Jahren hatte Zamenhof einen ersten Entwurf einer internationalen Sprache fertiggestellt: Im Dezember 1878 feierte er mit einigen Klassenkameraden die Geburt seiner neuen Sprache. Sie sangen die Hymne der 'Lingwe Uniwersala', die mit den folgenden Worten begann:
Malamikece de las nacjes
Feindschaft zwischen Völkern
Kadó, kadó, jam temp' está! Falle, falle, es ist schon Zeit
La tot' homoze in familje Die ganze Menschheit muß sich
Konunigare so debá. Zu einer Familie zusammenschließen.
Doch Zamenhof hörte nicht auf, seine Sprache zu bearbeiten. Aus dem Jahre 1881 sind drei verschiedene Entwürfe seiner Sprache bekannt. Zamenhof bemühte sich, unmittelbar in der neuen Sprache zu denken und bemerkte dabei schließlich, daß - wie er selbst notierte - 'diese bereits aufhört, ein bloßer Schatten dieser oder jener Sprache zu sein, mit der ich mich in dieser oder jener Minute beschäftigte, und ihre eigene Seele erhält, ihr eigenes Leben, die eigene bestimmte und klar ausgedrückte Physionomie, die bereits nicht mehr von irgendwelchen Einflüssen abhängt. Die Sprache floß bereits von selbst, flexibel, elegant und völlig frei, wie die lebendige Muttersprache.'
So erhielt im Jahre 1885 die 'Lingvo Internacia' ihre endgültige Form. Zamenhof verfaßte ein kleines Lehrbuch seiner Sprache. Doch kein Verleger war bereit, es herauszugeben. Lassen wir Zamenhof selbst erzählen, wie er dieses Problem löste:
Die ersten Jahre der neuen Sprache
Zamenhof verschickte sein erstes Lehrbuch an zahlreiche Persönlichkeiten, Zeitungsredaktionen und Institutionen in aller Welt. Bald darauf trafen die ersten Antworten ein - mit Fragen, Kritik und Ratschlägen, nicht wenige aber auch mit Lob und Zustimmung. Einige waren bereits in der neuen Sprache selbst geschrieben. Zamenhof entschloß sich, die vielen Fragen und Anregungen an ihn in einem zweiten Buch zu beantworten, dem 'Dua libro de l'Lingvo Internacia', das er Anfang 1888 herausgab. Es war ganz in Esperanto geschrieben, und er erklärte dort, daß ihn sein 'tiefer Glaube an die Menschheit' nicht enttäuscht habe, denn "von allen Seiten kommen (...) junge und alte Menschen, Männer und Frauen, um ihre Bausteine für ein großes, wichtiges und sehr nützliches Gebäude herbeizutragen". Wenige Monate nach Erscheinen des 'Dua libro' konnte Zamenhof ein erstes literarisches Werk in Esperanto herausgeben - die Erzählung 'Der Schneesturm' von Puschkin, die nicht etwa Zamenhof selbst, sondern der polnische Chemiker Antoni Grabowski übersetzt hatte.
Im Dezember 1888 trat der Nürnberger Volapük-Verein zum Esperanto über. Damit war die erste Esperanto-Gruppe entstanden. Sie gab ab September 1889 die monatliche Zeitschrift 'La esperantisto' heraus. Etwa gleichzeitig erschien ein Adressenverzeichnis mit den Anschriften von 1000 Personen, die bis dahin Esperanto gelernt hatten. "Nach vier Jahren zählt unsere Literatur bereits über 50 verschiedene Werke. Es gibt nun 33 Lehr- und Wörterbücher unserer Sprache", stellte Zamenhof im Januar 1891 fest.
Doch in den kommenden Jahren hatte Esperanto noch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zamenhof geriet in bittere Armut. In dieser Situation stand selbst seine Frau der Leidenschaft ihres Mannes eher abgeneigt gegenüber. Vasilij Nikolaevic Devjatnin, einer der ersten russischen Esperantisten, erzählt von einem Besuch bei Zamenhof im Jahre 1893:
Kaum war dieses Problem überwunden, traf ein neuer schwerer Schlag die junge Sprache: Im Februar 1895 druckte die Zeitschrift "La esperantisto" einen Artikel von Leo Tolstoj in Esperanto-Übersetzung ab. Er trug den Titel "Vernunft und Glaube" und veranlaßte die Zensur des zaristischen Rußlands, ein Einfuhrverbot für die Zeitschrift zu verhängen. "La esperantisto" verlor damit fast drei Viertel der Abonnenten und mußte kurz darauf aus finanziellen Gründen sein Erscheinen einstellen.
Doch Esperanto überlebte auch diesen Rückschlag: Ab Dezember 1895 gab die Esperanto-Gruppe Uppsala in Schweden die Zeitschrift "Lingvo Internacia" heraus, die zum Nachfolger von "La esperantisto" avancierte.
Um das Jahr 1900 herum erlebte Esperanto einen bedeutenden Auftrieb. Die wirtschaftliche Situation Zamenhofs besserte sich, in Frankreich lernten zahlreiche Intellektuelle Esperanto, und ab 1903 gab der Verleger Jean Borel in Berlin Esperanto-Werbeschriften in Auflagen von einigen zehntausend Exemplaren heraus.
Im August 1905 fand schließlich in Boulogne-sur-Mer an der französischen Ärmelkanalküste der erste Esperanto-Weltkongreß statt. 688 Esperanto-Sprecher aus 20 Ländern trafen sich dort und waren begeistert, wie gut die Verständigung in der neuen Sprache funktionierte. "Heute sind nicht Franzosen mit Engländern zusammengekommen, nicht Russen mit Polen, sondern Menschen mit Menschen", erklärte Zamenhof in seiner Eröffnungsrede. Und der Wiener Universitätsprofessor Theodor Fuchs beschrieb den Kongreß noch euphorischer mit folgenden Worten: "Eine Gnade widerfuhr der Menschheit, das Pfingstwunder hat sich erneuert. Alle fühlten sich als Brüder, vereint unter dem grünen Hoffnungsbanner des Esperanto... Tränen kamen aus den Augen von alten und ernsten Männern, ein katholischer Priester umarmte einen protestantischen, und der Schöpfer der neuen Sprache, Zamenhof, ging wie im Traum herum, zitterte am ganzen Körper und hatte Mühe, seine Ruhe wiederzufinden."
Das Weltbild Zamenhofs
Für Zamenhof war die Idee einer internationalen Sprache Teil eines umfassenderen Ideals. Ihm schwebte eine Welt vor Augen, in der jegliche Barrieren zwischen den Völkern verschwinden werden - egal, ob diese nun sprachlicher, religiöser, ethnischer oder sozialer Natur sind.
Doch nicht allen Esperanto-Sprechern gefiel es, wenn Zamenhof seine Gedanken hierzu darlegte. Ausgerechnet ein Theologe, der Franzose Louis de Beaufront, wandte sich um die Jahrhundertwende entschieden dagegen, Esperanto mit idealistischen Bestrebungen in Verbindung zu bringen. Er hob stattdessen den praktischen Wert dieser Sprache hervor, er sah in ihr in erster Linie ein zweckmäßiges Verständigungsmittel in internationalen Kontakten, er betonte ihren Nutzen in Handel, Wissenschaft und Tourismus. De Beaufront nahm nicht am ersten Esperanto-Weltkongreß teil. Die allzu idealistischen, fast religiösen Züge der frühen Esperanto-Bewegung stießen ihn ab, er betrachtete sie als Gefahr für den Erfolg der Sprache.
Zamenhof war bemüht, einen Kompromiß zu finden zwischen seinen persönlichen, pazifistischen Überzeugungen, die er vor allem mit vielen russischen Esperanto-Pionieren teilte, und der eher sachlichen, realitätsbezogenen Einstellung anderer, vor allem französischer Esperanto-Sprecher. Er entwarf für den ersten Esperanto-Weltkongreß eine Erklärung, die nach geringfügigen Änderungen von den Kongreßteilnehmern einstimmig angenommen wurde. In dieser "Deklaracio de la Bulonja Kongreso" definiert er den 'Esperantismus', d.h. das Wesen oder Ziel der Esperanto-Bewegung, als "Bemühen, in der ganzen Welt die Anwendung einer neutralen menschlichen Sprache zu verbreiten, die, ohne in das innere Leben der Völker einzudringen und ohne die nationalen Sprachen auch nur ein wenig verdrängen zu wollen, den Menschen verschiedener Nationalitäten die Möglichkeit gibt, sich zu verständigen. Sie kann in denjenigen Ländern, wo sich verschiedene Nationalitäten um die Sprache streiten, als friedensstiftende Sprache öffentlicher Einrichtungen dienen; und in ihr können diejenigen Werke veröffentlicht werden, die für alle Völker gleichermaßen interessant sind. Jede andere Idee oder Hoffnung, die dieser oder jener Esperantist mit dem Esperantismus verknüpft, ist seine rein private Angelegenheit, für die der Esperantismus nicht verantwortlich ist".
Wenden wir uns nun der religiösen Weltanschauung Zamenhofs zu. Wie aus dem zuvor gesagten hervorgeht, ist Esperanto eine in religiöser und ideologischer Hinsicht neutrale Sprache; eine Sympathie für Esperanto setzt daher keine Zustimmung zu Zamenhofs Weltanschauung voraus.
Ludwig Zamenhof war kein Christ, doch er stand dem Christentum und allen Religionen, die offen sind für Dialog und Zusammenarbeit, sehr positiv gegenüber. Seine Mutter war eine fromme Jüdin, sein Vater Atheist. Zamenhof selbst erzählt über seinen religiösen Werdegang:
Religiöse Überzeugungen veranlaßten Zamenhof, sich eine Welt zu wünschen, in der Liebe, Wahrheit und Frieden herrschen. Dies kommt vielleicht am deutlichsten in dem bereits erwähnten "Prego sub la verda standardo" zum Ausdruck. Erfahrungen aus seiner Kindheit, aber auch die Pogrome russischer Soldaten in seinem Geburtsort Bialystok im Jahre 1905 festigten in Zamenhof den Willen, zum friedlichen Zusammenleben der Völker beizutragen. In seiner Rede auf dem 2. Esperanto-Weltkongreß im Jahre 1906 in Genf berichtet Zamenhof:
Ebenso entschieden, aber weniger offen als für den Abbau der Sprachbarrieren, setzte sich Zamenhof für die Überwindung religiöser Gegensätze ein. Die sechste und letzte Strophe seines Gedichts "Prego sub la verda standardo" enthält die Verse "Kristanoj, hebreoj kaj mahometanoj / ni chiuj de Di' estas filoj" ("Christen, Juden und Mohammedaner / wir sind alle Söhne Gottes"). Doch sowohl auf dem ersten Esperanto-Weltkongreß, wo er das Gedicht zum Abschluß seiner Eröffnungsrede vortrug, als auch in der "Fundamenta Krestomatio", in die er es aufnahm, fehlte diese Strophe. Marjorie Boulton, Autorin einer englischsprachigen Zamenhof-Biographie, schreibt hierzu:
Auf dem Esperanto-Weltkongreß 1912 in Krakau bat Zamenhof darum, ihn aus seinen Ämtern in der Esperanto-Bewegung zu entlassen, um von nun an als einfacher Mensch, als einer unter anderen, für seine Sache zu arbeiten. Erst jetzt fühlte er sich frei, eine Broschüre mit dem Titel "Homaranismo", deren Inhalt sich weitgehend mit derjenigen von 1906 deckt, unter seinem eigenen Namen herauszugeben. Sie erschien 1913 in Madrid. Einen Einblick in Zamenhofs Gedankenwelt mögen die folgenden Auszüge geben:
Die Anfänge
Die Geschichte der christlichen Esperanto-Bewegung ist fast ebenso alt wie die Sprache selbst. Bereits wenige Monate nach Erscheinen des ersten Lehrbuchs interessierten sich einige Geistliche für die neue Sprache, darunter auch Bischof Zerr aus Saratov.
Die ersten ausgesprochen aktiven katholischen Esperanto-Sprecher waren der Litauer Aleksandras Dambrauskas (1860-1938) und der bereits im vorhergehenden Kapitel erwähnte Franzose Louis de Beaufront (1855-1935). Dambrauskas hörte bereits 1887 als Student am Sankt Petersburger Priesterseminar von der Veröffentlichung der "Internacia Lingvo". Er bestellte bei Zamenhof das erste Lehrbuch der neuen Sprache und begann mit Begeisterung, sie zu lernen. Schon nach einer Woche schrieb er Zamenhof eine Postkarte in fehlerfreiem Esperanto. Dambrauskas verfaßte das erste Esperanto-Lehrbuch für Litauer. Es erschien 1890 im ostpreußischen Tilsit und wurde von dort nach Litauen geschmuggelt, da die zaristische Regierung den Litauern bis 1904 verbot, Druckwerke in ihrer Muttersprache herauszugeben. Selbst der in Warschau (bzw. von 1893 bis 1897 in Grodno) lebende Zamenhof wagte es nicht, das Lehrbuch offen zum Verkauf anzubieten.
Schon im Jahre 1893 begann Dambrauskas, religiöse Gedichte original in Esperanto zu schreiben; einige davon erschienen 1905 in seiner Sammlung "Versaĵareto". Er gilt als der Dichter der katholischen Esperanto-Bewegung. Zudem verfaßte er zwei mathematische Broschüren und ein philosophisches Buch mit dem Titel "Malgrandaj pensoj pri grandaj demandoj". Ein halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod im Jahre 1938, blieb Dambrauskas dem Esperanto treu.
Louis de Beaufront, der mit bürgerlichem Namen Louis Chevreu hieß, war der erste französische Esperanto-Sprecher. Er lernte die Sprache 1888 kennen und begann sofort, sie eifrig zu propagieren. 1892 gab er ein Esperanto-Lehrbuch für Franzosen heraus, es folgten verschiedene Übungsbücher, Wörterbücher, Grammatiken und Informationsschriften. De Beaufront hatte Sprachwissenschaft, Philosophie und Theologie studiert; er war Doktor der Theologie und verdiente seinen Lebensunterhalt unter anderem als Privatlehrer. 1893 verfaßte de Beaufront ein Gebetbuch mit dem Titel "Preĝareto por katolikoj". Ab 1898 gab er die französisch-sprachige Zeitschrift "L' espérantiste" heraus, die ab dem folgenden Jahr mit einer Esperanto-sprachigen Beilage erschien. In dieser Zeitschrift stellte de Beaufront katholischen Esperantisten stets gern Raum für ihre Artikel zur Verfügung. Im Jahre 1908 verließ de Beaufront die Esperanto-Bewegung, um das von ihm mitentworfene Reformprojekt Ido zu propagieren.
Sowohl Dambrauskas als auch de Beaufront standen dem religiösen Weltbild Zamenhofs kritisch gegenüber. Vor allem in der Zeitschrift "Ruslanda esperantisto" diskutierten beide mit Zamenhof heftig über dessen "Homaranismus". Dambrauskas war ein katholischer Pfarrer, der aus innerer Überzeugung heraus zu anderen Konfessionen eine gewisse Distanz wahrte. Von 1889 bis 1895 wurde er vom zaristischen Regime in den Norden Rußlands verbannt, weil er katholischen Schülern verboten hatte, dem Befehl zu folgen, eine russisch-orthodoxe Kirche zu besuchen. Dambrauskas bezeichnete den Homaranismus Zamenhofs als "antireligiös", da dieser andere Prinzipien über die Lehre Jesu Christi stelle. Zamenhof antwortete ihm, diese Lehre könne und wolle niemanden von seiner Religion abbringen, und schließlich würde ja auch Gott es vorziehen, daß die Menschen eine Brücke bauen und gemeinsame Ideale und Werte erarbeiten, statt viele Religionen zu haben und einander zu hassen, da jeder nur seine eigene Religion für die einzig wahre hält.
De Beaufront bezeichnete hingegen die Hoffnung, der "Homaranismus" würde den Menschen Frieden und Glück verschaffen, als "naiv". Zamenhof entgegnete ihm, daß er zwar die Herzen derjenigen Menschen, die keinen Frieden wollen, nicht ändern könne; ihm gehe es vielmehr darum, "den sehr vielen Personen, die eine Gerechtigkeit und Brüderlichkeit zwischen den Völkern wünschen, diese zu ermöglichen".
Mit sehr sachlichen Argumenten gelang es de Beaufront, viele Franzosen für Esperanto zu interessieren. Einer von ihnen war Emile Peltier, Pfarrer der Gemeinde Sainte-Radegonde bei Tours. Peltier begann im Jahre 1901, Esperanto zu lernen, und bereits ein Jahr später regte ihn ein anderer französischer Esperanto-Sprecher, Henri Aurou, an, einen katholischen Esperanto-Verband zu gründen. Peltier stimmte der Idee begeistert zu und erarbeitete gemeinsam mit Aurou eine Satzung. Der Erzbischof von Tours, René François, gab in einem Brief an Peltier vom 6. Dezember 1902 seine Erlaubnis für die Vereinsgründung:
Somit lasteten alle mit der Zeitschrift verbundenen Aufgaben auf den Schultern Peltiers - die Redaktion ebenso wie die Verwaltung der Abonnements und der Versand. Und nach wie vor mußte Peltier auch seine Pflichten als Pfarrer erfüllen. Hinzu kamen finanzielle Probleme - die Einnahmen aus den rund 250 Abonnements reichten bei weitem nicht aus, um die Kosten für Satz, Druck und Vertrieb der Zeitschrift zu decken. Und zusätzlich belasteten Peltier gesundheitliche Probleme.
Doch tapfer und optimistisch arbeitete er weiter an seiner Sache. Neue Impulse gab ihm der erste Esperanto-Weltkongreß 1905. Der Gedanke an eine "universelle Brüderlichkeit" erfaßte ihn, und fortan setzte er sich in seiner Zeitschrift vor allem für das ein, was wir heute "Ökumene" nennen. Im Januar 1906 erschien sein "Offener Brief an alle christlichen Pfarrer":
Glauben Sie nicht, daß es nun an der Zeit ist, daß man friedlich, gemeinsam und brüderlich, mit einer Seele völlig frei von den früheren Leidenschaften, diese alten Differenzen untersuchen kann? Ist es nicht etwas merkwürdiges und bedauerliches, daß Jünger dessen, der das Gebot "Liebt einander" aufstellte, fortfahren, einander wegen Feindseligkeiten aus vergangenen Jahrhunderten zu hassen? (...)
Das Jahr 1906 war auch das Jahr des ersten päpstlichen Segens für die Esperanto-Bewegung. Während einer Privataudienz am 2. Juni jenes Jahres überreichte Luigi Giambene, Esperanto-sprechender Pfarrer aus Rom, Papst Pius X. die bis dahin erschienenen Jahrgänge der "Espero Katolika" und das Gebetbuch de Beaufronts. Bald darauf erhielt er das folgende, von Monsignore Giovanni Bressan unterzeichnete Schreiben aus dem Vatikan:
Doch es war der letzte Esperanto-Kongreß, an dem Peltier teilnehmen konnte. Seine Krankheit quälte ihn mehr und mehr, und die Zeitschrift "Espero Katolika" erschien oft nur noch mit großer Verspätung. Doch sie erschien. "Die moralischen und seelischen Kräfte - leider nicht die körperlichen - waren einfach enorm", schreibt Nico Hoen in seiner Geschichte der katholischen Esperanto-Bewegung über Peltier, "und es waren nur diese Kräfte, die er aus dem tiefsten Vertrauen in Gott schöpfte, welche die bewundernswerte Durchhaltekraft und den Mut Peltiers unterstützen."
Erst als die Zeitschrift im August 1908 nicht mehr erschien, fanden sich Menschen, die bereit waren, die Arbeit Peltiers zu übernehmen. Der 24-jährige Claudius Colas wurde neuer Chefredakteur der Zeitschrift, und der englische Abt Austin Richardson übernahm die Verwaltung.
Anfang 1909 erschien die "Espero Katolika" wieder, mit einem letzten Artikel Peltiers, der sich damit über die Anordnung seines Arztes nach völliger Ruhe hinwegsetzte. Peltier pilgerte zu dieser Zeit nach Lourdes und bat Maria, ihn entweder zu heilen oder ihm die Gnade zu geben, an dieser heiligen Stätte sterben zu dürfen. Ihm wurde die letztere Gnade zuteil. Er starb am 17. Februar 1909 in Lourdes. "Er übergab seine geliebte Zeitschrift in unsere Hände wie eine sterbende Mutter ihr geliebtes Kind in die Hände der Freunde gibt", schrieb Claudius Colas in der "Espero Katolika" vom März 1909.
Gut ein Jahr nach dem Tod Peltiers, im April 1910, fand in Paris der erste Katholische Esperanto-Kongreß statt. Im Rahmen dieses Kongresses wurde die "Internationale Katholische Esperanto-Vereinigung" (oder "Internacia Katolika Unuiĝo Esperantista", kurz IKUE) gegründet. In den Folgejahren konnte sich die junge Organisation gut weiterentwickeln. Alljährlich fanden weitere IKUE-Kongresse statt, so 1911 in Den Haag, 1912 in Budapest und 1913 in Rom. Die Zeitschrift "Espero Katolika" erschien mit großer Regelmäßigkeit jeden Monat.
Im August 1914 sollte in Lourdes der 5. IKUE-Kongreß stattfinden. Die Vorbereitungen dafür liefen planmäßig: Der irische Pfarrer und IKUE-Vorsitzende Patrick Parker konnte in der "Espero Katolika" vom Juli/August 1914 "mit großer Freude" von einem päpstlichen Segen für den Kongreß berichten. Doch plötzlich brach der 1. Weltkrieg aus. Der Kongreß in Lourdes mußte abgesagt werden; der Hauptorganisator Claudius Colas wurde zum Kriegsdienst einberufen und starb wenige Wochen später, am 11. September, 29-jährig in der Marneschlacht.
Die "Espero Katolika" erschien während des 2. Weltkrieges nicht mehr, und auch die sonstigen Aktivitäten der katholischen Esperantisten kamen für etliche Jahre fast völlig zum Erliegen.
Die protestantische Esperanto-Bewegung
Auch protestantische Esperanto-Sprecher hatten sich bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts zu einem Verband zusammengeschlossen. Die Entstehung dieses Verbandes ist eng mit dem Christlichen Verein Junger Männer, kurz CVJM oder YMCA verbunden. Im Jahre 1906 besuchte der Geschäftsführer des YMCA, Baron von Starck, an seinem Wohnort Genf, der zugleich Sitz des YMCA war, den 2. Esperanto-Weltkongreß. Er war von der Sprache so angetan, daß er bald darauf in einigen Zeitschriften seines Verbandes sehr positive Artikel über Esperanto veröffentlichte. Bald lernten nicht wenige Mitglieder des YMCA die internationale Sprache. Im Februar 1908 begann der Ingenieur Paul Hübner (1881-1970) aus Mülheim am Rhein (einem heutigen Stadtteil Kölns), allmonatlich eine kleine Zeitschrift mit dem Titel "Esperanto en la servo de la Dia Regno" ("Esperanto im Dienst des Gottesreichs") herauszugeben. Sie sollte, wie Hübner betonte, als Bindeglied zwischen den Esperanto-sprechenden Mitgliedern des YMCA dienen, über das christliche Leben in allen Teilen der Erde informieren und ein "Wegweiser zu Jesus Christus" sein.
Ebenso wie in der katholischen Esperanto-Bewegung, so ging auch in der protestantischen die Gründung einer Zeitschrift derjenigen eines Verbandes voraus. Und auch hier lastete die Arbeit der Redaktion und Verwaltung der Zeitschrift lange Zeit auf den Schultern eines einzelnen, der bereit war, diese Arbeit und finanzielle Verluste auf sich zu nehmen. Bis Ende 1908 hatte Hübner gut 80 Abonnenten aus 12 Ländern gefunden, und ab Januar 1909 gab er die Zeitschrift unter dem verkürzten Namen "Dia Regno" heraus, unter dem sie - wenn auch mit gelegentlichen Unterbrechungen - bis heute erscheint.
Auf dem 7. Esperanto-Weltkongreß in Antwerpen fand am 25. August 1911 eine Versammlung protestantischer Esperanto-Sprecher statt. Dort wurde einstimmig beschlossen, eine internationale Vereinigung christlicher Esperanto-Sprecher zu gründen. In den Folgemonaten gab es lebhafte briefliche Diskussionen über die Satzung und den Namen der Organisation; man entschied sich schließlich für "Kristana Esperantista Ligo", kurz KEL - ein Name, der 1923 in "Kristana Esperantista Ligo Internacia" (kurz KELI) abgeändert wurde. Die offizielle Gründung der KEL fand jedoch erst zwei Jahre nach der Versammlung in Antwerpen, am 24. August 1913 auf dem Esperanto-Weltkongreß in Bern statt. Paul Hübner wurde dort zum ersten Vorsitzenden gewählt. Als ihr Gründungsdatum sieht die KEL bzw. KELI jedoch traditionell den 25. August 1911 an.
Ein bedeutendes Ereignis für christliche Esperanto-Sprecher aller Konfessionen war die Herausgabe des Neuen Testaments in Esperanto im Jahre 1912. Im Jahre 1909 hatte ein englisches Komitee unter der Leitung von Pfarrer John Cyprian Rust (ca. 1850-1927) mit der Übersetzungsarbeit begonnen; gut drei Jahre später erschien nun "La Nova Testamento de nia Sinjoro kaj Savanto Jesuo Kristo", und die erste Auflage von 5.000 Exemplaren war bereits nach wenigen Monaten vergriffen.
Dies brachte auch der KEL weiteren Auftrieb. Die Zusammenarbeit mit dem YMCA in der Organisation von Esperanto-Kursen lief sehr gut; Anfang 1914 empfahl das Zentralkomitee des YMCA sogar offiziell "die Ausweitung des Esperanto-Unterrichts in allen Vereinigungen des YMCA". Im Rahmen des 10. Esperanto-Weltkongresses in Paris, zu dem sich 3739 Menschen angemeldet hatten, sollte eine weitere Versammlung von KEL und ein Treffen mit Pariser Vertretern des YMCA stattfinden. Doch ebenso wie der in Lourdes geplante IKUE-Kongreß, so konnte auch dieser Esperanto-Weltkongreß nicht stattfinden. Und ebenso wie bei der Zeitschrift "Espero Katolika", so blieb auch bei "Dia Regno" die Ausgabe vom Juli/August 1914 zunächst einmal die letzte. Der erste Weltkrieg brachte die Aktivitäten christlicher Esperanto-Sprecher für einige Jahre fast völlig zum Erliegen.
Vom 1. bis zum 2. Weltkrieg
In mehreren Ländern war Esperanto während des ersten Weltkriegs verboten, in Frankreich z.B. ab 1916, und nahezu überall ging die Zahl der Esperanto-Kurse und Veranstaltungen deutlich zurück. Lediglich 163 Personen - fast ausschließlich aus den USA und Kanada - nahmen 1915 am 11. Esperanto-Weltkongreß in San Francisco teil. In der neutralen Schweiz war der Esperanto-Weltbund, dessen Sitz in Genf lag, nun vor allem damit beschäftigt, Zehntausende persönlicher Briefe zwischen Familienangehörigen und Freunden aus verfeindeten Ländern weiterzusenden. Der "Initiator" des Esperanto, Ludwig Zamenhof, starb nach einer schweren Krankheit am 17. April 1917 in Warschau an Herzversagen.
Informationen über Aktivitäten christlicher Esperanto-Sprecher während des ersten Weltkriegs sind nicht leicht zu finden. Bemerkenswert ist allerdings eine Information aus dem Buch "Historio de Esperanto" von Edmond Privat, nach der das Weltkomitee des YMCA "Tausende kleiner Esperanto-Lehrbücher an Kriegsgefangene in verschiedenen Ländern verteilen ließ".
1917 gründeten katholische Pazifisten die "Mondpacligo Blanka Kruco" ("Weltfriedensliga Weißes Kreuz"), die für ihre internationalen Kontakte Esperanto benutzte.
Ab 1920 erschienen wieder die Zeitschriften "Espero Katolika" und "Dia Regno". Es folgten Jahre mit raschen Veränderungen und voller Höhen und Tiefen. In dieser Zeit wurden weitere christliche Esperanto-Zeitschriften und -Verbände gegründet; hierbei sei insbesondere die "Internacio Katolika" (IKA) erwähnt, deren Gründung der als "Pionier der Ökumene" bekannte Pfarrer und Märtyrer Max Josef Metzger (1887-1944) initiierte. Wenngleich 1920 im Rahmen des Esperanto-Weltkongresses in Den Haag gegründet, vermied die IKA bewußt das Wort "Esperanto" in ihrem Namen, da sie sich stärker als die IKUE auch an solche Katholiken wandte, die noch kein Esperanto sprachen und es vielleicht nicht einmal selbst lernen wollten. Von 1921 bis 1924 gab Metzger in Graz die Esperanto-sprachige Zeitschrift "Katolika Mondo" heraus.
Im Herbst 1926, gut 12 Jahre nach dem Neuen Testament, erschien in London die vollständige Bibel (allerdings noch ohne die deuterokanonischen Bücher) in Esperanto-Übersetzung. Das Alte Testament hatte Ludwig Zamenhof selbst aus dem Hebräischen übesetzt. Doch wenngleich er diese Arbeit bereits 1915 abgeschlossen hatte, konnte das Manuskript erst nach dem 1. Weltkrieg nach England gelangen, wo sich von 1919 bis 1926 ein Bibelkomitee mit der Durchsicht, Korrektur und der sprachlichen Angleichung des Alten an das Neue Testament beschäftigte. Zwei Quäkerinnen, die Schwestern Priscilla (1833-1931) und Angerina Peckover (1841-1927) hatten sich zur Finanzierung der Herausgabe bereiterklärt. Innerhalb von fünf Jahren waren 5.000 Exemplare der Esperanto-Bibel verkauft, und Christen aller Konfessionen lobten die Übersetzung wegen ihrer Klarheit und Verständlichkeit.
Die "Londona Biblio" ist bis heute jeweils mit einigen Korrekturen immer wieder nachgedruckt worden. Eine von dem italienischen Pfarrer Angelo Duranti initiierte ökumenische Bibelübersetzung ist in Vorbereitung; eine moderne Übersetzung der vier Evangelien durch den niederländischen Altphilologen Pfarrer Gerrit Berveling wurde 1992 in Brasilien herausgegeben. 1997 erschien die ganze Esperanto-Bibel einschließlich der deuterokanonischen Bücher auf CD-ROM.
Wechselten in den 20er Jahren noch Höhen und Tiefen einander ab, so überwogen in der christlichen Esperanto-Bewegung in den 30ern die Tiefen - die Probleme und Katastrophen. 1931 wurde der katalanische Pfarrer Juan Font Giralt zum Vorsitzenden der IKUE gewählt; er übernahm ab dem folgenden Jahr auch die Redaktion der "Espero Katolika". Doch Ende 1934 erkrankte Font Giralt schwer, so daß die "Espero Katolika" nun in den Niederlanden redigiert wurde. 1936 ging es Font Giralt wieder besser - doch da brach der spanische Bürgerkrieg aus, der auch Verfolgungen von Priestern mit sich brachte. Juan Font Giralt starb einen grausamen Märtyrertod: Am 17. August 1936 hackte man ihm seine Hände ab und verbrannte seinen Körper.
Werfen wir nun wieder einen Blick auf die protestantische Esperanto-Bewegung. Im Jahre 1932 erschien nach mehrjähriger Pause wieder die Zeitschrift "Dia Regno", und zwar nach wie vor unter der Redaktion von Paul Hübner, der in den 20er Jahren aus persönlichen, beruflichen und finanziellen Gründen nicht regelmäßig für seine Sache arbeiten konnte. Vor allem in den Niederlanden gewann die Sprache Esperanto nun an Popularität, was nicht zuletzt auch den Verbänden KELI und IKUE zugute kam.
Problematischer war die Situation in Deutschland, wo Anfang 1933 Adolf Hitler an die Macht kam. Bekanntlich standen leider auch sehr viele deutsche Christen dem Nationalsozialismus anfangs eher positiv gegenüber, und so wundert es nicht, daß auch Paul Hübner in der Zeitschrift "Dia Regno" Nr. 4/1933 die ausländischen Leser darauf hinwies, daß in Deutschland nun "die atheistische Welle gestoppt" und "das Christentum gerettet" sei. Hübner äußerte sich zuversichtlich, daß "gewiß in einiger Zeit auch unsere staatlichen Organisationen in Deutschland den Wert des Esperanto anerkennen und die Bewegung wieder unterstützen werden".
Doch sein Optimismus wurde bitter enttäuscht: Anfang 1936 wurde die folgende, von Martin Bormann, dem Stabsleiter des Stellvertreters des Führers, unterzeichnete Anordnung verhängt:
Gegen Ende der 30er Jahre wurde sowohl die "Espero Katolika" als auch "Dia Regno" in den Niederlanden herausgegeben. Mit Ausbruch des Krieges konnten beide Zeitschriften einen großen Teil ihrer Leser nicht mehr erreichen. Die "Espero Katolika" vom Januar/Februar 1940 wurde die letzte Ausgabe vor Kriegsende. Am 10. Mai 1940 besetzten deutsche Truppen die Niederlande, und im Februar 1940 erschien dort die letzte Ausgabe von "Dia Regno", denn im März wurde Esperanto auch dort ausdrücklich verboten. Doch ganz zum Erliegen kam die Arbeit der christlichen Esperantisten während des 2. Weltkriegs nicht: Von 1941 bis 1945 wurden von Schweden aus sieben Ausgaben eines "Provizora Dia Regno" verschickt, die allerdings nur einen kleinen Teil der Adressaten wirklich erreichten.
In den Einflußbereichen Hitlers und Stalins blieben auch Esperantisten nicht von den Greueltaten dieser Diktatoren verschont. In Deutschland wurden nicht wenige Esperanto-Sprecher allein wegen der Betätigung für diese Sprache verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht; andere wurden in erster Linie wegen ihrer jüdischen Herkunft oder ihrers generellen Einsatzes für den Pazifismus ermordet. Zu den Opfern des Nationalsozialismus zählen auch die drei Kinder Zamenhofs, die allesamt bereits im Januar 1940 verhaftet wurden. Zamenhofs einziger Sohn Adam (geb. 1888) wurde bereits unmittelbar darauf erschossen; die Töchter Sofia (geb. 1889) und Lidia (geb. 1904) wurden 1942 aus dem Warschauer Getto nach Treblinka überführt und dort im August bzw. Oktober desselben Jahres ermordet. Der Esperantist und Gründer der Una-Sancta-Bewegung, Max Josef Metzger, wurde 1943 unter dem Vorwand des Verrats und der Zusammenarbeit mit dem Feinde verhaftet und am 17. April 1944 hingerichtet.
Dem sowjetischen Diktator Stalin waren alle Menschen suspekt, die internationale Kontakte hatten, und hierzu gehörten insbesondere die Esperanto-Sprecher. Nach verschiedenen Schätzungen wurden 1937/38 während der "Großen Säuberung" 2.000 bis 30.000 Esperanto-Sprecher zumeist unter dem Vorwand der Spionage zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zu den Opfern Stalins gehören auch bedeutende Esperanto-Schriftsteller und Esperantologen wie Vladimir Varankin (1902-1937) und Ernest Dresen (1892-1837).
Die Nachkriegszeit
In den westlichen Ländern konnten sich die christlichen Esperanto-Verbände IKUE und KELI nach Kriegsende schon recht bald wieder neu formieren. Ab 1946 erschienen die Zeitschriften "Espero Katolika" und "Dia Regno" wieder regelmäßig, und protestantische Esperanto-Sprecher verwirklichten bald darauf einen alten Plan: Im Sommer 1948 fand in Tostarp in Schweden der erste KELI-Kongreß statt. Zuvor hatte man sich in erster Linie im Rahmen der Esperanto-Weltkongresse getroffen und dort jeweils eine KELI-Sitzung abgehalten, doch der erste eigene Kongreß war in jeder Hinsicht ein Erfolg, so daß man auch in Zukunft nicht auf ein solches Treffen verzichten wollte. Seit 1948 findet daher in fast jedem Jahr ein "KELI-Kongreso" statt.
Nach 11-jähriger Unterbrechung trafen sich 1950 auch katholische Esperanto-Sprecher wieder auf einem eigenen Kongreß; es war der 22. und zugleich (nach 1913 und 1935) der dritte, der in Rom stattfand.
Problematisch blieb die Situation in Osteuropa. Hier waren die Verbände IKUE und KELI den totalitären Regimen in doppelter Weise suspekt. Oft war bereits die Anwendung und Verbreitung des Esperanto unerwünscht; in der DDR z.B. durfte sich erst 1965 wieder ein Esperanto-Verband gründen. Und selbstverständlich traf die Unterdrückung religiöser Aktivitäten auch die christlichen Esperanto-Verbände. Am günstigsten war noch die Situation in Polen, wo die Regierung 1957 immerhin die Einfuhr der Zeitschrift "Espero Katolika" erlaubte. Doch eine stärkere Zusammenarbeit zwischen christlichen Esperanto-Sprechern aus Ost und West war lange Zeit unmöglich. So wundert es nicht, daß in den 50er und 60er Jahren alle IKUE- und KELI-Kongresse in westlichen Ländern stattfanden.
Nachdem das 2. Vatikanische Konzil die ökumenische Verpflichtung der katholischen Kirche betonte, fand 1968 in Limburg an der Lahn der erste gemeinsame Kongreß der beiden Verbände statt; es war zugleich der 32. Kongreß der IKUE und der 21. KELI-Kongreß.
In demselben Jahr ermutigte der "Prager Frühling" die tschechischen IKUE-Mitglieder sowie Angehörige der Hussitenkirche, die Organisation eines Ökumenischen Esperanto-Kongresses in ihrem Land ins Auge zu fassen. Er sollte im Sommer 1970 in Brno stattfinden. Doch nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen kam alsbald ein "Normalisierungsprozeß" in Gang, und ein internationaler Kongreß christlicher Esperantisten war für die neue Regierung unakzeptabel. Die Veranstalter mußten den Kongreß wenige Wochen vor seinem Beginn absagen; er wurde schließlich kurzfristig nach Klagenfurt verlegt, aber nur wenigen der angemeldeten Teilnehmer aus Osteuropa gelang es, noch rechtzeitig ein österreichisches Visum zu erhalten.
Noch eine Zeitlang konnten sich die tschechischen IKUE-Mitglieder auf ihren alljährlichen Zeltlagern treffen - jedoch nur bis zum Sommer 1977, als die Polizei das 9. Katholische Esperanto-Zeltlager in Herbortice auflöste und die Organisatoren Miloslav Svacek und Pfarrer Vojtech Srna verhaftete. Kurz darauf wurde die tschechische IKUE-Sektion aufgelöst.
Erfreulicher war die Situation wiederum in Polen, wo in demselben Sommer der 37. IKUE-Kongreß stattfinden konnte. Es war der erste Kongreß dieser Art in einem Land des Warschauer Paktes, und zugleich mit rund 700 Teilnehmern der bisher größte IKUE-Kongreß. Noch zweimal - 1978 in Varna in Bulgarien und 1987 wiederum in Czenstochowa - trafen sich vor dem Fall des eisernen Vorhangs Katholiken aus Ost und West auf einem IKUE-Kongreß in einem osteuropäischen Land.
Der Untergang der totalitären Regime brachte den christlichen Esperantisten in Osteuropa die langersehnte Freiheit. Am 19. Mai 1990, knapp 13 Jahre nach ihrem Verbot, wurde die tschechische IKUE-Sektion wiedergegründet. Unter Vorsitz des unermüdlichen Miloslav Svacek wurde sie binnen kurzer Zeit zu einem der aktivsten Landesverbände der IKUE. Auch in Rumänien und in Litauen bildeten sich wieder sehr aktive IKUE-Landesverbände.
In der Gegenwart sind beide Organisationen, IKUE und KELI, durch Kontinuität und Stabilität gekennzeichnet. Bereits seit 1961 ist der württembergische Pfarrer Adolf Burkhardt KELI-Vorsitzender (unterbrochen nur durch die Jahre 1975-1981); die entsprechende Funktion hatte in IKUE von 1979 bis 1995 der italienische Pfarrer Diulio Magnani inne, bis ihn schließlich Antonio de Salvo ablöste. 1995 fanden erstmals zwei IKUE-Kongresse in einem Jahr statt - der 48. Kongreß in Olomouc (Tschechien) im Juli und der 49. Kongreß im Rahmen des ökumenischen Esperanto-Kongresses in Kaunas (Litauen). Ebenfalls 1995 gelang es der IKUE dank eines großen Spendenaufrufs, ein eigenes Domizil in Rom zu erwerben, das nun als Geschäftstelle des Verbandes und Redaktionsbüro der "Espero Katolika" fungiert.
Am 10. August 1996 gründeten junge Katholiken aus Belgien, Deutschland, der Slowakei, Tschechien und Ungarn auf dem Katholischen Esperanto-Zeltlager in Sebranice eine Jugendorganisation der IKUE. Sie nennt sich "IKUE-Junularo" oder kurz "IKUEJ". Ihre Ziele sind gemäß ihrer Satzung:
Die Einstellung der Kirchenleitung zum Esperanto
Während das vorangegangene Kapitel vor allem vom Einsatz von Priestern und Laien für die internationale Sprache handelte, soll nun die Einstellung der Kirchenleitung - und zwar vor allem der katholischen - zum Esperanto näher untersucht werden.
Das "Lexikon für Theologie und Kirche" von 1959 schließt seinen Artikel über Esperanto mit den Worten "Die Päpste seit Pius X (u. zahlr. Kard. u. Bisch.) haben die E.bewegung begrüßt und gefördert". In der Tat spricht vieles dafür, daß in diesem Jahrhundert fast alle Päpste die Esperanto-Bewegung mit freundlichem Wohlwollen betrachteten. In den frühen 30er Jahren fand sich auf der Titelseite der "Espero Katolika" stets die Bemerkung "Honorita per apostola beno de Papo Pio X, 27 junio 1906, kaj de Papo Benedikto XV, 20a de Aŭgusto 1920, kaj de Papo Pio XI, 11 oktobro 1924". Daß diese Päpste der "Espero Katolika" tatsächlich ihren apostolischen Segen spendeten, steht zweifelsfrei fest. In den vergangenen Jahrzehnten sind jedoch auch zahlreiche konkrete Worte mehrerer Päpste immer wieder zitiert worden, obwohl für diese keine wirklich zuverlässige Quelle angegeben werden kann.
So heißt es in einem Flugblatt, das die deutsche IKUE-Sektion anläßlich des Katholikentages 1992 in Karlsruhe herausgegeben hat:
Im ersten Fall wird keine, im zweiten Fall
eine Esperanto-Werbeschrift aus dem Jahre 1949 als Quelle angegeben. Aufgrund
der Ähnlichkeit dieser Aussagen liegt es auf der Hand, daß bei einem der beiden
Zitate der genaue Wortlaut und der genaue Name des Urhebers verfälscht wurde;
möglicherweise ist sogar keines der beiden Zitate echt.
Die erste Äußerung eines Papstes zum Esperanto, die auch durch den "Osservatore Romano" (und zwar dessen Ausgabe vom 15. August 1975) belegt werden kann, stammt von Papst Paul VI. Dieser richtete während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz am 13. August 1975 die folgenden Worte an die Teilnehmer des 36. IKUE-Kongresses:
Nach seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche vergingen fast 13 Jahre, bis Johannes Paul II schließlich als erster Papst öffentlich Esperanto sprach. Anlaß war der 6. Weltjugendtag 1991 in Czestochowa, zu dem mehr als eine Million Teilnehmer aus aller Welt angereist waren. Sowohl bei seiner Begrüßungsansprache am 14. August als auch bei der Schlußversammlung am folgenden Tag verwendete der Heilige Vater neben anderen Fremdsprachen erstmals auch Esperanto.
Die Texte dieser Ansprachen lauten nach dem "Osservatore Romano" vom 22. August 1991:
Karegaj junuloj! La sperto de kredo, travivita ĉe la piedoj de la 'Nigra Madono', restu neforigeble gravurita en viaj koroj. Sanktega Maria akompanu vin! (Liebe Jugendliche! Die Erfahrung des Glaubens, die zu Füßen der 'Schwarzen Madonna' erlebt wurde, sei unauslöschlich in Euer Herz geschrieben. Die heilige Maria begleite Euch!)
Zugleich bittet Sie der heilige Vater, diese Begegnung von Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Glaubensbekenntnissen, die eine gemeinsame Sprache sprechen, zu einem Zeugnis jener Brüderlichkeit werden zu lassen, die ohne jede Diskriminierung unter allen Menschen als Gliedern der großen Familie der Kinder Gottes herrschen soll, und die zum persönlichen und kollektiven Kompromiß Mut macht, um den Frieden am jeweiligen Heimatort zu bauen.
Mit diesen Wünschen und unter Anrufung des Schutzes Gottes für die Arbeiten des Kongresses und für seine Teilnehmer erteilt der Papst mit Freuden den so ersehnten apostolischen Segen.
Im Rahmen einer Generalaudienz auf dem Petersplatz am 3. September 1997 begrüßte Papst Johannes Paul II die Teilnehmer des 50. IKUE-Kongresses unmittelbar auf Esperanto. Der Kongreß fand unter dem Thema "Geht darum hin und macht alle Völker zu euren Jüngern" (Mt 28,19) statt. Die auf Esperanto und Italienisch im Osservatore Romano vom 4. September 1997 abgedruckten Worte des Heiligen Vaters seien hier in der deutschen Übersetzung aus dem Ökumenischen Esperanto-Forum Nr. 27 wiedergegeben:
Am 11. Januar 1992 wurde die IKUE per Dekret des Pontifikalrats für Laien vom Vatikan offiziell als Gemeinschaft von Gläubigen anerkannt.
Eine in der Praxis sehr bedeutsame Anerkennung stellt auch die Verwendung des Esperanto durch Radio Vatikan seit 1977 dar. Wir werden im folgenden Kapitel näher auf diese Sendungen eingehen.
Es ist interessant, einmal zu untersuchen, ob es aus dem Vatikan auch negative Äußerungen über Esperanto gibt. Einige Andeutungen dazu findet man in Zeitungsartikeln. So schrieb die Katholische Nachrichtenagentur KNA am 2. Februar 1995 im Zusammenhang mit der Verwendung des Esperanto durch Papst Johannes Paul II: "Dabei gab es in der katholischen Kirche anfangs Mißtrauen gegen die Kunstsprache. So wurde ihr Erfinder u.a. als Freimaurer verdächtigt." Und in einer Meldung der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" vom 24. September 1995 über die Herausgabe des Meßbuchs in Esperanto heißt es: "Die vatikanische Gottesdienstkongregation hatte zuerst erhebliche Widerstände zu überwinden - dann aber die Esperanto-Übersetzung des römischen Meßbuchs erlaubt."
Die "erheblichen Widerstände" sind im Meßbuch selbst erklärt. Dort findet sich im Vorspann das Dokument der Gottesdienst- und Sakramentenkongregation "Normen für die Feier der Messe in Esperanto" vom 20. März 1990 in Italienisch und Esperanto. Darin wird auf den Rundbrief "Decem iam annos" vom 5. Juni 1976 verwiesen, nach dem Esperanto "keine von einem Volk gesprochene Sprache" sei und daher "nicht die Eigenschaften aufweist, um als Liturgische Sprache betrachtet werden zu können".
Zu der "Verdächtigung" von Zamenhof als Freimaurer läßt sich anmerken, daß es hierfür keine eindeutigen Anhaltspunkte gibt, obwohl Leben und Werk Zamenhofs ausgesprochen detailliert erforscht worden sind.
Wenden wir uns nun der Einstellung von Bischöfen und Kardinälen zum Esperanto zu. In Deutschland haben des öfteren Bischöfe anläßlich von Ereignissen aus der Esperanto-Welt sehr freundliche Grußworte geschrieben, so etwa Erzbischof Johannes Joachim von Degenhard zum Europäischen Esperanto-Kongreß 1977 in Paderborn oder der Bischof von Speyer, Anton Schlembach, zum 100-jährigen Jubiläum der Sprache (vgl. die aus diesem Anlaß vom Saarländischen Esperanto-Bund herausgegebene Broschüre). In Freiburg hat Bischof Oskar Saier die Diözesan-Arbeitsgemeinschaft der IKUE 1989 als katholische Gemeinschaft anerkannt; vier Jahre später erfolgte dieselbe Anerkennung auch in Speyer durch Bischof Anton Schlembach. Da sich die Aktivitäten der IKUE in Deutschland bisher auf recht wenige Diözesen beschränken, ist eine Anerkennung der Deutschen IKUE-Sektion durch die Deutsche Bischofskonferenz derzeit nicht möglich; in anderen Ländern (z.B. 1991 in Tschechien und 1993 in der Slowakei) ist die entsprechende Anerkennung jedoch bereits erfolgt.
In mehreren Ländern gibt es Bischöfe, die selbst Esperanto sprechen und häufig Messen darin zelebrieren. Der Bischof von Eisenstadt (Österreich), Dr. Paul Iby, ist seit vielen Jahren IKUE-Mitglied. Der Erzbischof von Prag, Kardinal Miloslav Vlk, hat Esperanto bereits als Jugendlicher gelernt und angewendet. Auf dem IKUE-Kongreß 1995 in Olomouc zelebrierte Vlk eine Messe in Esperanto. In seiner Predigt betonte er dabei:
In ihren Äußerungen über Esperanto beschränken sich kirchliche Würdenträger oft darauf, den Beitrag dieser Sprache zur Völkerverständigung und zur Annäherung der Gläubigen anzuerkennen. Wenn es um die Frage geht, ob man konkrete Änderungen in Kirche und Welt herbeiführen sollte, ist man zurückhaltender.
Doch gerade hier ging der rumänische Weihbischof György Jakubinyi (der später, im Jahre 1994, zum Erzbischof von Alba Iulia ernannt wurde) einen Schritt weiter: Auf der Europa-Sondersynode im Vatikan im November 1991 setzte sich Jakubinyi offen für Esperanto als neue Kirchensprache ein. Hierüber berichtete die Katholische Nachrichtenagentur KNA am 1. Dezember 1991:
Der rumänische Weihbischof György Jakubinyi (Alba Iulia) leistete ebenfalls einen Beitrag zum Thema Sprache bei der Synode. Er schlug vor, das heute nicht mehr in dem Maße wie früher praktizierte Latein durch die internationale Sprache Esperanto zu ersetzen. Das Lateinische, argumentierte der Weihbischof, sei zudem nur in der Westkirche die liturgische Sprache. Gegen den "sprachlichen Imperialismus", mit dem die großen Nationen den kleinen ihre Sprache und zugleich ihre Kultur und Weltanschauung aufdrängen wollen, so Jakubinyi, bedürfe es einer "künstlichen internationalen Sprache", hinter der keine Nation stehe.
5. Die Anwendung des Esperanto unter Gläubigen
Esperanto-sprechende Christen nutzen ihre Sprache auf vielfältige Art und Weise. Sie nehmen an Gottesdiensten in Esperanto teil, sie treffen sich auf dem IKUE- oder KELI-Kongressen und den Katholischen Esperanto-Zeltlagern, sie lesen die Zeitschriften "Espero Katolika" und "Dia Regno" und schreiben Artikel für sie. Viele christliche Esperanto-Sprecher stehen untereinander in Briefkontakt, sei es auf konventionelle Art und Weise oder aber, ganz zeitgemäß, per Internet.
Gottesdienste
Eine soziologische Untersuchung aus dem Jahre 1992 hat gezeigt, daß es unter den Mitgliedern des Deutschen Esperanto-Bundes e.V. (D.E.B.) zwar einerseits geringfügig weniger Katholiken und Protestanten, andererseits aber deutlich mehr Kirchgänger gibt als in der Gesamtbevölkerung. Nach der Umfrage gehören 33,5% der D.E.B.-Mitglieder der evangelisch-lutherischen und 27,0% der katholischen Kirche an; von diesen erklärten jedoch 69,1% bzw. 87,9%, daß sie diese Religion auch praktizieren, indem sie "wenigstens ab und zu an religiösen Zusammenkünften (z.B. Gottesdiensten) teilnehmen". Die letzteren Zahlen sind bemerkenswert hoch, da nach einer Umfrage unter der Gesamtbevölkerung aus dem Jahre 1987 nur 47% der Protestanten und 73% der Katholiken zumindest gelegentlich in die Kirche gehen.
Von den Mitgliedern des D.E.B. bezeichneten sich insgesamt 49,3% als praktizierende Christen. Es ist daher verständlich, daß auf Esperanto-Veranstaltungen stets ein starkes Interesse an Gottesdiensten in der Internationalen Sprache besteht. Auf den alljährlichen Esperanto-Weltkongressen gehört daher stets ein Ökumenischer Gottesdienst ("Ekumena Diservo") ganz selbstverständlich zum Programm, und zwar selbst dann, wenn dieser Kongreß (wie 1986 in Peking oder 1990 in Havanna) in einem Land stattfindet, dessen Regierung dem Christentum gegenüber nicht gerade positiv eingestellt ist. Auf dem 81. Esperanto-Weltkongreß 1996 in Prag fand sogar an jedem Morgen in einer Kirche unweit den Kongreßzentrums eine heilige Messe in Esperanto statt; zusätzlich gab es an zwei Nachmittagen einen ökumenischen Gottesdienst und eine von Bischof Otcenásek zelebrierte Messe in Esperanto mit jeweils rund 400 Teilnehmern.
Doch auch auf kleineren Esperanto-Veranstaltungen werden Gottesdienste in Esperanto angeboten, etwa alljährlich auf dem deutschen Esperanto-Kongreß oder alle sechs Monate auf den Fortbildungstagungen des Saarländischen Esperanto-Bundes, gelegentlich auch auf den Esperanto-Weltjugendkongressen oder den Ostertreffen der italienischen Esperanto-Jugend. Die Organisatoren von Esperanto-Veranstaltungen sind fast immer sehr gern bereit, einen Gottesdienst in das Programm aufzunehmen, sie haben jedoch oft Schwierigkeiten, einen Pfarrer zu finden, der diesen leiten kann. So gibt es z.B. in Deutschland nur zehn bis fünfzehn Esperanto-sprechende Geistliche, und viele von ihnen können wegen Verpflichtungen in ihrer eigenen Gemeinde nicht sehr häufig Esperanto-Veranstaltungen besuchen. Vor allem auf Esperanto-Jugendtreffen finden gelegentlich (z.B. im Sommer 1996 auf dem Esperanto-Weltjugendkongreß in Güntersberge im Harz oder Ostern 1998 auf dem Internationalen Jugendfestival in Lignano in Italien) einige Teilnehmer selbst einen Ausweg: Sie organisieren gemeinsam mit dem Pfarrer der nächstgelegenen Kirche einen zweisprachigen Gottesdienst, in dem man beispielsweise einige Lieder in Esperanto singt und die Predigt auch auf Esperanto vorgelesen wird.
Heilige Messen in Esperanto gab es auch auf den Katholikentagen 1990 in Berlin, 1992 in Karlsruhe, 1994 in Dresden und 1998 in Mainz, wobei die letzteren beiden von Bischof György Jakubinyi zelebriert wurden. Esperanto-sprachige evangelische oder ökumenische Gottesdienste fanden auch auf den Kirchentagen 1993 in München, 1995 in Hamburg und 1999 in Stuttgart statt.
In verschiedenen Städten (vor allem in Polen, Italien, Deutschland und England) gibt es regelmäßig Gottesdienste in Esperanto, in London sogar schon seit 1912 einmal monatlich. Im Herbst 1991 begann Pfarrer Albrecht Kronenberger, im Dom zu Speyer im zweimonatlichen Rhythmus heilige Messen in Esperanto zu zelebrieren, und in der Stuttgarter Katharinenkirche findet seit 1995 fast in jedem Monat ein ökumenischer Gottesdienst in Esperanto statt. Seit November 1996 werden darüber hinaus auch im Freiburger Münster von Zeit zu Zeit Gottesdienste auf Esperanto gefeiert.
An diese Gottesdienste schließt sich gewöhnlich der Besuch einer Gaststätte, eines Esperanto-Gruppentreffens oder eine Stadtbesichtigung an. Es ist in mehrfacher Hinsicht sinnvoll, solche Gottesdienste anzubieten: Zum einen nehmen oft auch solche Esperanto-Sprecher daran teil, die andernfalls an dem jeweiligen Sonntag keinen Gottesdienst besuchen würden, zum anderen freuen sich Christen aus anderen Ländern, die sich gerade in Deutschland aufhalten, oft darüber, auf diese Weise einen Gottesdienst in einer ihnen verständlichen Sprache besuchen zu können und anschließend mit deutschen Christen zusammen zu sein.
Zeitschriften
Es gibt mehr als ein Dutzend regelmäßig erscheinender christlicher Esperanto-Zeitschriften. Die "Espero Katolika" wird in Rom redigiert und berichtet aus dem Leben der Weltkirche. Sie informiert über Aktivitäten und Botschaften des Papstes, über das Leben der Katholiken in aller Welt und selbstverständlich auch über Veranstaltungen, Publikationen, Fortschritte und Probleme der katholischen Esperanto-Bewegung.
Das protestantische Gegenstück zur "Espero Katolika" ist die Zeitschrift "Dia Regno" - das Bindeglied der KELI, zu der vorwiegend Angehörige reformatorischer Kirchen und der Orthodoxie gehören. Sie berichtet über ökumenische Fragen, das Leben protestantischer Christen in aller Welt und die KELI-Kongresse.
Die Zeitschrift "Dia Regno" erscheint regelmäßig jeden Monat, sieht aber mit ihrem Umfang von acht Seiten eher etwas bescheiden aus. Genau umgekehrt verhält es sich mit der "Espero Katolika": Sie erscheint in unregelmäßigen Abständen etwa sechsmal jährlich, beeindruckt aber oft durch ihren beachtlichen Umfang von bis zu 80 Seiten.
Mitglieder der IKUE oder KELI haben die Möglichkeit, die Zeitschrift des jeweils anderen Verbandes zum halben Preis zu abonnieren. Dies empfiehlt sich für alle Christen, die aktuelle Fragen aus verschiedenen Perspektiven betrachten wollen. Die "Espero Katolika" kennzeichnet derzeit eine unbedingte Treue gegenüber der katholischen Lehre; sie scheint bewußt darauf zu verzichten, kritischen Äußerungen allzu breiten Raum zu gewähren. So wundert es nicht, daß ein niederländisches IKUE-Mitglied seine Übersetzung eines offenen Briefes amerikanischer Katholiken an Papst Johannes Paul II nicht in der "Espero Katolika", sondern vielmehr in "Dia Regno" (Nr. 6/95) veröffentlichte. Und während katholische Esperanto-Zeitschriften nur sehr positiv über die Heiligsprechung von Jan Sarkander berichteten, erinnerte "Dia Regno" (Nr. 5/95) in einem recht ausgewogenen Artikel auch an dessen feindliche Einstellung gegenüber Andersgläubigen. Wirklich lebhafte Diskussionen zu religiösen und weltanschaulichen Fragen finden in Esperanto allerdings in erster Linie in einem internationalen Nachrichtenmagazin statt - in der Zeitschrift "Monato", die in Antwerpen erscheint und in jeder Ausgabe neben aktuellen Reportagen aus aller Welt auch 3-4 Seiten an Leserbriefen veröffentlicht.
Neben "Espero Katolika" und "Dia Regno" gibt es noch einige Zeitschriften von Landesverbänden der IKUE und KELI. In Tschechien erscheint "Dio benu". Diese Zeitschrift ist nicht zuletzt deshalb so lebendig, da in der dortigen IKUE-Sektion auch viele Jugendliche aktiv sind. Weitere Zeitschriften von IKUE-Landesverbänden sind das überwiegend auf italienisch erscheinende "Katolika Sento" und der "Franca Katolika Esperantisto". Unter den KELI-Sektionen haben die englische und die schwedische besonders lesenswerte Mitteilungsblätter.
In Deutschland erscheint viermal jährlich das "Ökumenische Esperanto-Forum" (ÖkEsFo). Es wendet sich in deutscher Sprache an alle, die sich für Esperanto und dessen Anwendung im Dienst des Evangeliums interessieren, auch wenn sie noch nicht zum Lernen der Sprache gekommen sind. Das "ÖkEsFo" wird sowohl in gedruckter Form als auch im Internet veröffentlicht.
Ebenfalls in Deutschland erscheint der Bibel-Rundbrief "Biblia letero Kompaso", herausgegeben von Schwester Theotima Rotthaus OSB in Freiburg. Eine recht anspruchsvolle und lebendige Zeitschrift für vergleichende Religionswissenschaft ist der in Frankreich erscheinende "Asistilo"; sie sei als Beispiel für die zahlreichen nicht spezifisch christlichen Esperanto-Zeitschriften religiösen Inhalts genannt.
Insgesamt gibt es (neben vielen kleinen Mitteilungsblättern) rund 200 regelmäßig erscheinende Esperanto-Zeitschriften. Etwa 10% von ihnen beschäftigen sich in erster Linie mit religiösen Themen. Ähnliches dürfte für die bislang rund 40.000 auf Esperanto erschienenen Bücher und Broschüren gelten. Neben der Bibel sind beispielsweise auch der Koran und die Bhagavad-Gita auf Esperanto erhältlich. Es gibt Esperanto-Übersetzungen zahlreicher Enzykliken (z.B. Ecclesiam Suam) und anderer kirchlicher Dokumente, Biographien von Heiligen (Franziskus, Dominikus, Edith Stein) in Esperanto, neben einer großen Zahl von Gebet- und Gesangbüchern.
Im Jahr 2001 haben IKUE und KELI schließlich ein 1.472 Seiten starkes Gebet- und Gesangbuch unter dem Titel "ADORU" ("Betet an") veröffentlicht, das in 4.000 Exemplaren gedruckt wurde.
Im Jahre 1995 hat die IKUE erstmals einen Videofilm auf Esperanto herausgegeben, einen 55-minütigen Dokumentarfilm über das Grabtuch Jesu ("La mortotuko - signo de nia epoko").
Radio Vaticana
In Deutschland kann man auf Kurz- und Mittelwelle Esperanto-sprachige Rundfunksendungen aus acht Ländern hören - aus China und Polen (jeweils täglich) sowie aus Estland, Italien, Kuba, Litauen, Österreich - und aus dem Vatikan. Seit Januar 1977 sendet Radio Vatikan regelmäßig in Esperanto, zunächst einmal, seit 1981 zweimal und seit Oktober 1998 dreimal wöchentlich. Jeden Sonntag-, Mittwoch- und Donnerstagabend beginnt dort eine Sendung mit den Worten "Estu laudata Jesuo Kristo". Die "Esperanto-Redakcio" informiert über aktuelle Ereignisse in Kirche und Welt, sie stellt päpstliche Dokumente und Reden vor und berichtet über humanitäre Themen, gelegentlich auch über Aktivitäten katholischer Esperanto-Sprecher.
Diese Sendungen finden ein beachtliches Interesse: Alljährlich erhält die Esperanto-Redaktion von Radio Vaticana rund 1000 Zuschriften von Hörern aus aller Welt, eine im Vergleich zur relativ kurzen Sendezeit von ca. 24 Minuten pro Woche überraschend hohe Zahl. Auch Nicht-Katholiken und Nicht-Christen äußern häufig ihre Zufriedenheit mit den Sendungen.
Hier die Sendezeiten und Frequenzen (Stand: Juni 1999): Sonntags 21.20 bis 21.30 Uhr auf Mittelwelle 527 und 1530 kHz sowie Kurzwelle 4005 und 5880 kHz; mittwochs und donnerstags 21.20 bis 21.30 Uhr auf Mittelwelle 1611 kHz und Kurzwelle 7250 und 9645 kHz.
Internet
Papst Johannes Paul II neigt dazu, die neuen Medien wie das Internet als Geschenk des Heiligen Geistes für die Evangelisierung der Welt zu betrachten. Auch katholische und protestantische Esperanto-Specher standen den neuen Kommunikationsmöglichkeiten von Anfang an aufgeschlossen gegenüber; sie haben das Internet schon frühzeitig als nützliches Medium für ihre internationale Korrespondenz entdeckt. Bereits seit 1993 sind die Redaktionen von "Espero Katolika" und "Dia Regno" per E-Mail erreichbar. Auf den IKUE-Kongressen und den katholischen Esperanto-Zeltlagern sind zahlreiche Freundschaften entstanden, die sich seitdem auch durch einen intensiven Gedankenaustausch per Internet vertieft haben; besonders intensive Kontakte bestehen dabei zwischen Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Deutschland und Italien.
Ende 1997 richtete der argentinische Landesvertreter der IKUE, Daniel Cotardo Garchía, im Internet eine spezielle Verteilerliste für Esperanto-sprachige Diskussionen über den katholischen Glauben ein. Seitdem tauschen dort Katholiken aus aller Welt - selbst aus Ägypten und Neuseeland - Meinungen zu religiösen Fragen und Ereignissen aus.
Auch in der Newsgroup "soc.culture.esperanto" kommt es von Zeit zu Zeit zu interessanten Meinungsäußerungen zu theologischen und philosophischen Fragen. Wie gewöhnlich bei den anarchistischen (d.h. nicht moderierten und damit etwas chaotischen) Newsgroups, erfordert es allerdings einen gewissen Aufwand, hier die Spreu vom Weizen zu trennen. In christlichen Foren wie z.B. der moderierten Newsgroup "soc.religion.christian" diskutiert man gelegentlich auf Englisch über Esperanto. Erfreulich ist stets die echte Internationalität Esperanto-sprachiger Newsgroups wie "soc.culture.esperanto", während in den rein Englisch-sprachigen Foren wie "soc.religion.christian" stets die US-Amerikaner dominieren.
Darüber hinaus findet man im Internet umfangreiche christliche Literatur (darunter die gesamte Esperanto-Bibel) sowie aktuelle Informationen über christliche Esperanto-Veranstaltungen. Beispielsweise kann man ausgehend von der Seite http://www.esperanto.de nach Literatur, Veranstaltungen oder christlichen Esperanto-Fachverbänden suchen.
Wohltätigkeit
Wie fast alle kirchlichen Organisationen, so engagieren sich auch IKUE und KELI im karitativen Bereich. Beispiele für Hilfsprojekte, die in den 70er, 80er oder 90er Jahren von ehemaligen oder amtierenden Vorstandsmitgliedern der IKUE ins Leben gerufen wurden, sind die Aussätzigenhilfe von Dr. József Kondór, die Blindenhilfe "Agado E3" von Jacques Tuinder, die Behindertenhilfe von Hansjörg Kindler und die "Kooperativo Espero" in Zaire.
Die beiden letzteren Projekte seien hier kurz vorgestellt:
Im Jahre 1993 erschien im Wiener Verlag "Pro Esperanto" das "Kroata Milita Noktlibro", ein Kriegstagebuch (wörtlich: Kriegsnachtbuch) der Kroatin Spomenka Štimec. Die Autorin beschreibt in diesem Buch, wie in ihre Heimat Haß, Gewalt und Tod einbrachen. Und, einem Apell gleich, läßt sie Menschen zu Wort kommen, die ihre nächsten Angehörigen verloren haben und dennoch zu Frieden und Versöhnung mahnen. Hansjörg Kindler, ein altkatholischer Pfarrer, initiierte eine deutsche Übersetzung des Buches. Es erschien Ende 1994 unter dem Titel "Kroatisches Kriegsnachtbuch" im Verlag Ferdinand Schöningh in Paderborn. Der gesamte Erlös aus dem Verkauf des Buches kam behinderten Kindern in Kroatien zugute. Da der Schöningh-Verlag auf eine Erstattung der Unkosten verzichtete, konnten innerhalb von wenigen Monaten 20.000 DM eingenommen werden. Pfarrer Kindler unternahm mit dem Geld mehrere Hilfstransporte nach Kroatien, wo er behinderten Kindern und deren Eltern Hilfe zur Selbsthilfe leistet.
In einem ganz anderen Teil der Welt ist die Kooperativo Espero aktiv. Sie wurde 1993 in Bukavu, einer zairischen Stadt an der Grenze zu Ruanda, gegründet. Mit mehr als 40.000 $, die die IKUE teils als Kredit, teils als Spende zur Verfügung stellte, errichteten afrikanische Katholiken dort eine Fabrik zur Herstellung von Ziegelsteinen. Ende 1994 lief die Produktion an, und bald darauf konnte der Leiter der Kooperative, Yogelolo Lutombo (der zugleich Landesvertreter der IKUE für Zaire ist) in der Espero Katolika 11-12/95 erfreuliches berichten: "Ihre Hilfe hat 31 Arbeitsplätze geschaffen, die den Lebensunterhalt von 31 Familien sichern, die zuvor sehr litten".
Bemerkenswert ist, daß bei den erwähnten Projekten Esperanto eine doppelte Funktion hat: Einerseits wird in internationalen Esperanto-Zeitschriften über die Aktionen berichtet und zu Spenden aufgerufen, andererseits wird aber auch in allen mit der Hilfeleistung selbst verbundenen internationalen Kontakten Esperanto als Verständigungsmittel verwendet.
Begegnungen
Esperanto bietet seinen Sprechern unzählige Möglichkeiten, Menschen aus anderen Ländern und Kulturen kennenzulernen und Freundschaften über Grenzen hinweg zu schließen. Esperanto-sprechende Christen fühlen sich dabei in doppelter Weise miteinander verbunden, sowohl durch die gemeinsame Sprache als auch durch den gemeinsamen Glauben. Sie haben so einen Vorschuß an Sympathie füreinander, und dies mag erklären, daß die Kontakte unter ihnen besonders herzlich sind.
Die IKUE- bzw. KELI-Kongresse sind nur ein Beispiel für internationale Begegnungen zwischen Gläubigen aus aller Welt. Fast jedes Jahr findet im Sommer ein solcher Kongreß statt. In den letzten Jahren war dies meist ein von beiden Verbänden gemeinsam organisierter "Ekumena Kongreso", doch gelegentlich organisieren IKUE und KELI auch eigene Kongresse. Dort treffen sich zumeist 100 bis 300 Christen aus rund 20 Ländern, um eine Woche lang gemeinsam zu beten, zu singen und zu diskutieren. Zum Programm eines solchen Kongresses gehören auch tägliche Gottesdienste in Esperanto und Vorträge zum Kongreßthema. Daneben gibt es verschiedene Sitzungen, aber auch Ausflüge und ein Unterhaltungsprogramm mit Musikkonzerten, Sketchen jugendlicher Teilnehmer oder Volkstänzen.
Ein bedeutendes Ereignis war der 50. IKUE-Kongreß im Sommer 1997 in Rom und Rimini. Rund 300 Gläubige aus 24 Ländern nahmen daran teil. Im Rahmen dieses Kongresses wurde erstmals eine Heilige Messe auf Esperanto am Hauptaltar des Petersdoms gefeiert; weitere Höhepunkte waren die bereits erwähnte Begrüßung auf Esperanto durch Papst Johannes Paul II sowie - ebenfalls am 3. September 1997 - eine Audienz der Kongreßteilnehmer beim Präsidenten der Republik Italien, Oscar Luigi Scalfaro. Staatspräsident Scalfaro sagte, er sei den Esperantisten besonders dafür dankbar, daß sie nicht nur für den Abbau von Sprachbarrieren eintreten (was an sich noch nicht ausreiche, um Eintracht und Frieden zu schaffen), sondern daß sie auch in vorbildlicher Weise zu Freundschaften, Versöhnung und echtem Verständnis zwischen Menschen aus aller Welt beitragen.
Neben diesen Kongressen finden alljährlich viele Dutzend weiterer Veranstaltungen katholischer oder evangelischer Esperanto-Sprecher statt: Exerzitien in Polen, Wallfahrten in Tschechien, Wochenendtreffen in Litauen oder Rumänien, Zusammenkünfte schwedischer Protestanten. Gelegentlich nehmen internationale Gruppen von Esperanto-Sprechern auch an "allgemeinen" christlichen Esperanto-Veranstaltungen teil, so trafen sich z.B. um die Jahreswende 1991/92 etwa 25 junge Esperanto-Sprecher aus sechs Ländern auf dem großen Taizé-Treffen in Budapest.
Aktuelle Informationen über christliche Esperanto-Veranstaltungen können der Zeitschrift "Ökumenisches Esperanto-Forum" entnommen, im Internet abgerufen oder bei der IKUE bzw. KELI angefordert werden (Adressen im Anhang).
Die Ökumenischen Esperanto-Jugendzeltlager
Auf dem 11. Ökumenischen Esperanto-Kongreß im Sommer 1996 in Szombathely (Ungarn), an dem 25 Jugendliche aus sieben Nationen teilnahmen, wurde beschlossen, alljährlich ein Ökumenisches Esperanto-Jugendzeltlager zu organisieren. Das erste "Junulara Ekumena Esperanto-Tendaro" (JET) fand dann vom 11. bis 18. August 1998 in Unterkirnach im Schwarzwald statt. Rund 60 junge Leute aus sieben osteuropäischen Ländern, aus Deutschland und Ghana diskutierten dort über das Thema "Versöhnung" und Wege zu einer friedlichen Zukunft der Menschheit; sie sangen und beteten auf Esperanto und lernten auf Wanderungen und Radtouren eine der schönsten Gegenden Deutschlands kennen.
Teils wegen des recht großen organisatorischen Aufwands, aber auch wegen des Wunsches, eine gut funktionierende Verständigung einmal an einem Ort zu erleben, wo die Sprachbarrieren zwischen jungen Christen aus aller Welt noch sehr deutlich spürbar sind, entschloß man sich, im Folgejahr kein "separates" Ökumenisches Esperanto-Jugendzeltlager zu organisieren. Das 2. JET fand vielmehr in Taizé statt, wo die Frère Roger gegründete Communauté jeden Sommer Zehntausende junger Menschen aus aller Welt einlädt, um sie zu den Quellen des Glaubens zu führen.
Vom 9. bis 16. August 1998 trafen sich dann neben rund 6.000 Jugendlichen aus aller Welt auch etwa 50 junge Esperanto-Sprecher in dem kleinen Dorf Taizé im Südosten Frankreichs, das als Ort der Begegnung und der Meditation unter Christen in aller Welt bekannt ist. Die Organisatoren der Jugendbegegnungen standen der Idee, daß bei den Gesprächen in Kleingruppen auch Esperanto benutzt wird, sehr aufgeschlossen gegenüber; dennoch kam es zu anfänglichen Schwierigkeiten, da sie auch von den Esperanto-Sprechern eine strikte Aufteilung in Jugendliche unter 30 Jahren, Erwachsene und Familien verlangten und der Empfang der Teilnehmer nach Nationen getrennt vorgenommen werden mußte.
So kam es, daß einige Esperanto-Sprecher mit Jugendlichen zusammen wohnten, die ihnen in der ganzen Woche nur das Wort "Romania" oder "Portugues" sagen konnten. Die erfolgreiche Verwendung des Esperanto in den Gruppengesprächen wußte man somit um so mehr zu schätzen. Auf Grundlage des ins Esperanto übersetzten Briefs "Ungeahnte Freunde" von Frère Roger, der Esperanto-Bibel und der täglichen Aufgabenblätter der Gemeinschaft sprachen Jugendliche aus acht Ländern über religiöse Fragen und persönliche Probleme aus ihrem alltäglichen Leben.
Diese Diskussionen, aber auch die generelle Atmosphäre von Taizé, der Zauber der dortigen Kirche und der Gesänge, machten dieses 2. JET für alle Teilnehmer zu einem unvergeßlichen, bereichernden Erlebnis.
Neben den Ökumenischen Esperanto-Jugendzeltlagern, die auch in Zukunft alljährlich stattfinden sollen (wie z.B. im Sommer 1999 in der polnischen Stadt Gliwice), haben den Autor dieses Buches die Katholischen Esperanto-Zeltlager in Tschechien sehr beeindruckt. Ihnen sei nun das folgende Kapitel gewidmet.
Die Katholischen Esperanto-Zeltlager
"Vekigu, ho dormantoj, jam vokas la kukol'..." ("Wacht auf, ihr Schläfer, der Kuckuck ruft bereits"). Mit Gesang und Gitarrenspiel beginnt allmorgendlich ein neuer Tag auf dem "Katolika Esperanto-Tendaro" in Sebranice. Eine halbe Stunde später findet eine heilige Messe in Esperanto statt, erst danach beginnt das Frühstück. Um 8.30 Uhr ist Zeit für ein morgendliches Antreten ("Matena ordono"), zu der neben der Ankündigung des Tagesprogramms auch das Hissen der IKUE-Flagge gehört. Auch dazu wird ein Lied gesungen, das mit den Worten "Supren flugu niaj flagoj, kolektigu la fratar'" beginnt.
Es folgen Esperanto-Kurse auf mindestens vier verschiedenen Niveaus. In den Konversationskursen diskutiert man auf Esperanto über aktuelle weltliche und religiöse Themen. Die Teilnehmer stellen sich und ihren Weg zum Glauben vor, man spricht über seinen Namenspatron und Heilige (die in unseren östlichen Nachbarländern weit mehr verehrt werden als bei uns), über die Christianisierung der verschiedenen Länder. Tschechische Teilnehmer erzählen vom Religionsunterricht zur Zeit des Kommunismus; man vergleicht, wie man verschiedene Feste in den einzelnen Ländern feiert. Auch der Umweltschutz bietet Stoff für Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern, etwa im Hinblick auf Abfallbeseitigung und Wiederverwertung.
An den Nachmittagen beschäftigen sich verschiedene Gruppen mit dem Einüben kirchlicher Lieder in Esperanto oder mit der Bibel; andere Teilnehmer spielen Volleyball oder besuchen das unmittelbar neben dem Zeltplatz befindliche Schwimmbecken. Manchmal gibt es auch Vorträge, etwa von Priestern über das Gebet oder die Ehe; gerade zu dem letzteren Thema haben die Jugendlichen eine Fülle von Fragen.
Abends wird die Flagge eingeholt. "Sun' subiras horizonton, angeluso vokas jam. Turnu penson al chielo, zorgas pri ni Dia am'", singt man dazu. Es folgen Unterhaltungen, Spiele und Gesang am Lagerfeuer.
Um 22.00 Uhr beginnt die "Nokta Silento", die Nachtruhe. Zum Abschluß des Abends bildet man einen großen Kreis, faßt einander mit überkreuzten Armen an die Hände und singt ein aus dem tschechischen übersetztes Lied "Steletoj": "Steloj, adiau nun, dormas mi jam. Kore mi petas vin, tre mi petegas vin, zorgu pri la patrin', pri mia am'." Danach wird ein Händedruck und ein Lächeln weitergegeben, bis man sich schließlich "Bonan nokton" wünscht und auseinandergeht. Einige wenige Jugendliche unterhalten sich noch bei Kerzenschein. Doch bald verstummen auch diese Gespräche.
Wer als Deutscher erstmals auf so ein Zeltlager fährt, ist anfangs unweigerlich von der strengen Tagesordnung überrascht oder gar fast schockiert. Es sei denn, man kennt so etwas schon von Pfadfindertreffen. Doch schnell gewöhnt man sich daran und lernt die Vorteile zumindest des frühen Aufstehens zu schätzen. Es ist einfach vernünftig, den Tag früh zu beginnen, denn auf dem Zeltlager gibt es kein elektrisches Licht.
Überhaupt findet man auf dem Zeltlager keinerlei Luus. Neben elektrischem Strom vermißt man dort auch fließendes warmes Wasser; die Toiletten haben keine Wasserspülung und befinden sich im Wald. Es ist rührend zu sehen, wie sich Jugendliche aus verschiedenen Ländern trotz der bescheidenen, fast möchte man sagen primitiven Bedingungen auf dem Zeltlager wohlfühlen und miteinander zwei Wochen in einer ausgesprochen herzlichen, warmen Atmosphäre verbringe